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Michael Maar:Flache Hierarchie auf dem Olymp

Michael Maar

Der Literaturkritiker und Essayist Michael Maar, geboren 1960 als Sohn des Kinderbuchautors Paul und der Familientherapeutin Nele Maar.

(Foto: Isolde Ohlbaum)

Wie ein Schreibworkshop mit den ganz Großen: Michael Maars Essayband "Die Schlange im Wolfspelz" zeigt ihn als passionierten Stilkritiker.

Von Hilmar Klute

Wenn spätere Epochen einmal das Phantombild des nahezu vollkommenen Lesers zusammenpixeln sollen, dann wird dieses Porträt dem Schriftsteller und Literaturkenner Michael Maar täuschend ähnlich sein. Michael Maar ist der Mann, der die Tiefen des "Zauberbergs", die Verstrebungen der "Strudlhofstiege" und die Erinnerungsräume der Proust'schen Recherche immer wieder neu besichtigt und ausgemessen hat. Für Maar bedeutet Lektüre nicht, einen Roman zu lesen und diesen auf seine Tauglichkeit hin zu prüfen. Maar beobachtet Bücher, wie ein Zoologe eine Tierart beobachtet. Er weiß nämlich, dass ein Roman aus Organen und Nerven besteht, aus genetischem Material, das sich möglicherweise, so oder verändert, in früheren oder späteren Arbeiten dieses oder eines anderen Autors wiederfinden lässt.

Eine Reihe von Textsammlungen und größeren Essaybänden zu Marcel Proust, Vladimir Nabokov und Thomas Mann begründet den Ruhm des Literaturforschers Michael Maar. Mag sein, dass der nun erschienene umfangreiche Versuch über das Geheimnis großer Literatur die anderen Maar-Bücher überragt, weil in ihm das gelungen ist, was clevere Verlage immer wieder von originellen Romanverführern behaupten, nämlich den Roman zum Roman geschrieben zu haben. "Die Schlange im Wolfspelz" nennt Maar seinen Versuch über das Geheimnis des literarischen Stils nach einer Wendung aus einem Roman der Schriftstellerin Eva Menasse.

"Überhaupt sind Fehler nicht schlimm. Phrasen sind schlimm."

Es wird darin fein säuberlich mit dem blitzenden Besteck des Humors und der Ironie gearbeitet, das ist bei einem philologischen Großunternehmen wie diesem hier auch notwendig. Denn die Schlange in der Studienratcordjacke lauert ja immer dort, wo Texte auf Fehler und Unsauberkeiten hin abgeklopft werden. Aber Maar lässt auf keiner Seite, in keinem seiner peniblen Kommentare die Großmut des Liebhabers vermissen, dem in Brigitte Kronauers Satz "Mir, die man ins Bett gesperrt hatte, entgeht kein Wort" natürlich der Bezugsfehler nicht entgeht. Klingt der Satz nicht trotzdem schön? Selbstverständlich tut er das, und Maar, der Essayist mit dem Talent des Aphoristikers, weiß und gibt an den Leser weiter: "Überhaupt sind Fehler nicht schlimm. Phrasen sind schlimm."

Dieses Buch lebt von einer besonderen Gabe, Michael Maar versteht es nämlich, Autoren lebendig zu porträtieren, ohne große biografische Bögen zu beschreiben. Was für ein kluger, gewitzter Aufklärer Johann Peter Hebel gewesen ist, zeigt Maar mit ein paar Proben aus einem wunderschönen Text des alemannischen Miniaturisten über Vogelarten. Die ganze kindliche Verzweiflung des armen Karl Philipp Moritz bricht an der Stelle auf, wo sein tapferer Anton Reiser das "blinde Verhängnis" herbeiführt, indem er mit dem Hammer ein Massaker unter soldatisch aufgestellten Kirschkernen anrichtet.

In dieser Literaturgeschichte kann man großen Autoren bei der Arbeit zuschauen. Die Idee ist fabelhaft, einen freundlichen Schreibworkshop aufzumachen, an dem zum Glück keine Bachmannpreis-Anwärterinnen teilnehmen, sondern Wilhelm Raabe, Theodor Fontane, Jean Paul, Regina Ullmann. Und man staunt, wie Robert Walser seine zunächst konventionelle Naturbeschreibung im nächsten Moment ins leicht Schräge dreht und vom Summen schreibt, das sich "beinahe" blau anhört oder ansieht.

Wenn Hemingway Joseph Roth lektorieren würde

Wir begegnen bei Michael Maar allen großen und mittelgroßen Gestalten der deutschen Literatur von Goethe und Herder bis Eckhard Henscheid und Ulrich Becher. Maar setzt auf eine flache Hierarchie in seinem literarischen Olymp, denn es gelten hier vor allem die Gesetze des Stils und der erzählerischen Geschicklichkeit. Und es geht darum, stilistische Qualitäten ins Verhältnis zu setzen: Wie lässt Heimito von Doderer seinen Helden Donald Clayton in den "Dämonen" zum Wasserfall gelangen, und wie macht es Thomas Manns Peeperkorn im "Zauberberg"? Maar stellt den Dichtern Aufgaben, und lesend schaut man zu, wie sie diese lösen. Und was für ein kühner und zauberhafter Einfall ist es, sich auszumalen, wie Hemingway eine Stelle aus Josephs Roths Roman "Hiob" lektorieren würde: alle Adjektive raus! Und, liest es sich besser? Nein, Maar gibt Entwarnung: Roth hat alles richtig gemacht. Manchmal zittert man regelrecht mit den Prüflingen, mögen sie Roth, Doderer, Lernet-Holenia oder Goethe heißen, der mit der Figurenrede seiner "Wahlverwandtschaften" dann leider doch durchfällt.

Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur. Rowohlt, Hamburg 2020. 655 Seiten, 34 Euro.

(Foto: Rowohlt Verlag)

Ja, die Schadenfreude vermag der unbestechliche Michael Maar beim Leser durchaus zu wecken, wenn er zeigt, was schlechte Autorinnen (Marlene Streeruwitz) von guten (Anna Seghers) unterscheidet, nämlich die Unfähigkeit, Stil und Inhalt zusammenzuhalten. Gedanke, Klang, Rhythmus und Begriff sind die Bausteine einer guten Prosa. Wenn alles zusammengeht, entsteht bedeutende Literatur. Deshalb lässt Michael Maar auch die "künstliche Trennung" von Inhalt und Stil nicht zu. Das eine, sagt er, ist ohne das andere nicht zu haben.

Natürlich starrt man einem philologischen Zucht- und Zaubermeister wie Maar allzu genau auf die Finger und mäkelt beflissen: Nein, Rilke ist nicht wie Kafka "furchtbar jung an Tuberkulose gestorben", sondern mit 51 an Leukämie. Und wenn Maar Penthesilea "ein geheimnisvoll-zugespitztestes Drama Kleists" nennt oder von "manchen Autoren wie Martin Amis" schreibt, dann fällt die eine und andere Ungeschicklichkeit nur deshalb auf, weil ansonsten alles so tadellos sitzt an diesem flüssigen, unterhaltsamen Essay-Stil. In seiner aphoristischen Kunst kann Maar mit Karl Kraus Schritt halten, es gelingt ihm mit manchem Bonmot sogar ein Zugewinn an philologischer Erkenntnis: "Adorno-Schüler erkennt man stilistisch auf den ersten Blick, nicht anders als die durch den Nieselregen Lacans Gestapften."

Warum nicht auch mal Thomas Bernhard eine verpassen?

Michael Maar ist mit seinem erstaunlichen Buch durch den Ozean der deutschsprachigen Literatur gesegelt und lässt keinen Zweifel daran, dass es Wale, Haie, aber auch ganz reizvollen Beifang gibt. Und wenn es auf dem Kreuzfahrtschiff der Weltliteraten einen Topmodel-Wettbewerb geben sollte, hat ihn wohl Thomas Mann, knapp vor Kafka, gewonnen. Oder ist Heimito von Doderer der heimliche Favorit, weil ihm, anders als Mann, die Neigung zum Kunstgewerbe völlig abgeht? Natürlich atmet man erleichtert aus, wenn Maar bekennt, "daß es ihm unmöglich ist, das Werk Hanns Henny Jahns in toto oder auch nur in längeren Kapiteln zu lesen".

Und ja, warum nicht zur Abwechslung auch Thomas Bernhard, der so vielen eine verpasst hat, eine verpassen und seine Sätze "als die letztlich verhockten und vermufften Bösartigkeits-Sermone" zu verabschieden? Wie bitte, für die Prosa Hildegard Knefs gibt Maar Christa Wolfs "Kassandra" her? Die Textstellen über die Wucht des Krieges im "Geschenkten Gaul" rechtfertigen das Sakrileg. Michael Maars Essay ist eine Feier des literarischen Tons und eine heimliche Kriegserklärung an die bräsige Kanon-Kultur. Die literarische Größe eines Romans behaupten - das kann jeder Bücherschwätzer. Der redliche Leser Michael Maar beweist oder verneint sie am jeweiligen Text. Wer sein Buch liest und danach etwas anderes vorhat im Leben, als nur zu lesen, der ist wirklich verloren.

© SZ/masc
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