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Michael Haneke zum 70.:Analytiker der Gewalt

Terror im Ferienhaus oder wilhelminische Gefühlskälte: Mit Filmen wie "Funny Games" oder "Das weiße Band" hat es Michael Haneke zu einem der ganz Großen in der Welt des Kinos gebracht. Nie spart er an Zumutungen - stets will er den Zuschauer zum Nachdenken zwingen. Jetzt feiert der österreichische Filmemacher seinen 70. Geburtstag und arbeitet schon wieder an einem Film über ein schweres Thema: die Folgen eines Schlaganfalls.

Na, Sie wollen doch auch, dass es spannend bleibt, oder?" fragt Michael Haneke zusammen mit einem der bösen Jungs, die in seinem Film Funny Games eine Familie im Ferienhaus terrorisieren: "Man muss doch an den Unterhaltungswert denken!" oder "Wir haben doch noch längst nicht Spielfilmlänge erreicht!"

Michael Haneke beim Filmfestival in Cannes im Jahr 2009: Das Kino als leichtfertige Unterhaltung interessiert den österreichischen Regisseur nicht, stattdessen demontiert er die Mechanismen von Manipulation und Illusion.

(Foto: AFP)

Mit solchen Sätzen zerstört Haneke lustvoll die Konventionen des Kinos. Seine Filme gleichen Versuchsanordnungen, über deren erschütternden Ausgang es keinen Zweifel gibt: In seinem Kinodebüt Der siebente Kontinent bereitet eine Familie ihr Verschwinden vor, entschlossen, nichts, aber auch gar nichts Brauchbares zurückzulassen. In Bennys Video tötet ein Teenager mit beiläufiger Konsequenz ein gleichaltriges Mädchen und löffelt danach in aller Seelenruhe ein Joghurt. In 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls, dem Abschluss dieser Trilogie der emotionalen Vereisung, wird ein im Grunde unauffälliger Neunzehnjähriger zum Amokläufer.

Das Kino als leichtfertige Unterhaltung interessiert Haneke nicht, stattdessen demontiert er seine Mechanismen von Manipulation und Illusion: "Wenn ich jemanden schon vergewaltige - was ich als Filmemacher automatisch tue - dann möchte ich ihn wenigstens zur Selbständigkeit vergewaltigen, so dass er vielleicht beginnt, ein wenig über seine Rolle in dem Spiel nachzudenken."

Nicht ohne Stolz bekundet er, das Kino durchaus als moralische Anstalt zu betrachten: "Wenn man das so versteht, wie es bei Schiller steht, ist das nichts Unehrenhaftes", sagte er. "Ich fühle mich gar nicht so unwohl, wenn man mich einen Moralisten nennt. Wenn man diesen Begriff richtig versteht, dann ist jeder, der sich künstlerisch äußert, ein Moralist. Ernsthaftigkeit und Moral gelten heute als uncool und antimodern, heutzutage muss alles fun sein, und da weigere ich mich."

Eine besonders unheimliche Kraft geht bei Haneke immer wieder von den Kindern aus, so auch in dem oscarnominierten Film Das weiße Band. Fast lautlos bewegen sie sich durch die Straßen und Wohnräume eines kleinen deutschen Ortes kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Die wilhelminische Strenge und Gefühlskälte, mit der sie erzogen wurden, hat sie zu gespenstischen Wesen, zu deformierten Seelen gemacht.

"Jedes gelungene Kunstwerk ist für mich eine Zumutung"

Die Faszination für die Mechanismen der Gewalt beruht bei Haneke jedoch nicht auf traumatischen Erfahrungen seiner eigenen Jugendzeit, wie er versichert. Er wurde 1942 in München geboren, Sohn eines deutschen Regisseurs und einer österreichischen Burgschauspielerin, und wuchs in Wiener Neustadt auf.

Nach einem nicht abgeschlossenen Studium der Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaft arbeitete er zunächst als Dramaturg, Regisseur und Autor am Theater und im Fernsehen, und legte es von Anfang an darauf an, seine Zuschauer zu verstören: "Jedes gelungene Kunstwerk ist für mich eine Zumutung. Die Filme oder Bücher, die mich am meisten beeindruckt haben, waren die, die mich in irgendeiner Weise destabilisiert haben. Was mich in dem bestätigt, das ich ohnehin schon weiß, ist meist verlorene Zeit."

Der Schock entsteht in diesen Filmen allerdings nicht durch explizite Darstellungen, Gewalt spielt sich meist sogar außerhalb des Bildfelds ab. Es wirkt eher so, als würde Haneke die Wirklichkeit ganz ungerührt auf den Seziertisch legen, und da bleibt nicht viel Hoffnung: "Na schauen Sie sich doch die große Dramatik in der Geschichte der Menschheit an! Schauen Sie sich Shakespeare an, oder die griechische Tragödie, das ist auch nicht so lustig. Wenn man ernsthaft auf die Welt schaut, kann man nicht gerade zu juchzen anfangen."

Seit zehn Jahren dreht der umtriebige Agent Provokateur vorwiegend außerhalb Österreichs, in Frankreich, den USA und in Deutschland. Zum Schreiben seiner Filme kehrt er immer wieder in die abgeschiedene Ruhe seines österreichischen Landsitzes zurück. An diesem Freitag feiert er seinen 70. Geburtstag und ist gerade mit einem neuen Film mit Isabelle Huppert beschäftigt, die bereits seine "Klavierspielerin" war. Der Film heißt "Amour" und handelt von den Folgen eines Schlaganfalls.