Das Buch "Weisheit. Neun Versuche":In die Berge schauen oder die Kraniche füttern

Lesezeit: 3 min

Chen Jiru

"Viele menschliche Tätigkeiten (...) können in der Einsamkeit genossen werden." - Chen Jiru, chinesischer Dichter aus der Ming-Dynastie.

(Foto: Sammlung Nanjing Museum)

Der Philosophieprofessor Michael Hampe will im Namen der Weisheit das rationale Denken wieder mit der Selbstfürsorge versöhnen. Kann das klappen?

Von Johan Schloemann

Das Allerbeste in diesem Buch ist ein Zitat. Es stammt von dem chinesischen Maler und Dichter Chen Jiru, der von 1558 bis 1639 lebte, zur Zeit der Ming-Dynastie. Das Zitat geht so: "Viele menschliche Tätigkeiten, zum Beispiel Weihrauch abbrennen, Tee kosten, den Tuschstein waschen, auf der Zither spielen, Bücher sortieren, sich am Mondlicht erfreuen, auf den Klang des Regens hören, Blumen gießen, sich an eine hohe Brüstung lehnen, ein Divinationsbrett betrachten, auf und ab gehen, sich in der Sonne bräunen, fischen, Gemälde betrachten, sich in Frühlingswasser waschen, mit einem Stock umherschweifen, den Buddha anbeten, Wein probieren, meditieren, klassische Texte durchblättern, in die Berge schauen, alte Schriftproben nachziehen, Kerben in Bambus schneiden oder die Kraniche füttern, können in der Einsamkeit genossen werden."

Das klingt ja nicht nach einem schlechten Leben. Und es ist gewiss bestärkend für alle Singles und für all jene, denen die Vereinsamung in den Corona-Lockdowns noch nachgeht. Denn die Botschaft lautet: Man kann bei vielem alleine glücklich werden, ganz für sich. Und von fernöstlichen Lehren kann, wer will, erfahren, wie man dabei von einem Tun in einen Zustand geraten könnte: in den Zustand der - Achtung, ein sehr großes Wort - Weisheit.

Die Kluft zwischen Sinn- und Weisheitssuche und der akademischen Philosophie scheint heute unüberbrückbar zu sein

Das große Problem ist nun, dass die Sphäre, in der es akzeptiert ist, sich um die eigene Entspanntheit und Abgeklärtheit zu kümmern (um etwas kleinere Wörter zu verwenden), von einer rationalen, wissenschaftlichen Sicht der Dinge maximal entfernt zu sein scheint. Also von dem Weltbild, das, so glaubt man, "den Westen" groß gemacht hat. Weisheitspraktiken hingegen assoziieren wir entweder mit einer muffigen, verfilzten Räucherstäbchen-Welt oder - in der sauberen, neoliberalen Variante - mit Achtsamkeitskursen, die ein Start-up-Gründer in der Mittagspause besucht, um seelisch dem Wettbewerb standzuhalten. Die Kluft zwischen derartiger Sinn- und Weisheitssuche und der Forschung, auch der akademischen Philosophie, scheint heute unüberbrückbar zu sein. Außerhalb der Universität gibt es ein Rieseninteresse an Philosophie - Weisheitsliebe - als lebenspraktischer Orientierung, während sich die professionelle Hochschulphilosophie von solchen persönlichen Bedürfnissen nach Orientierung großteils irritiert zeigt.

Der Philosoph Michael Hampe, der an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich lehrt - ausgerechnet da, könnte man sagen, oder: gerade da -, dieser Michael Hampe ist schon seit einiger Zeit bemüht, das rationale Denken und die Sorge um das gute Leben wieder enger zusammenzubringen, die Kluft zu überwinden. Er schreibt darum zunehmend ungewöhnlichere, nicht mehr nur "theoretische" Bücher.

Das Buch "Weisheit. Neun Versuche": Michael Hampe, Kai Marchal (Hrsg.): Weisheit. Neun Versuche. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 230 Seiten, 14 Euro.

Michael Hampe, Kai Marchal (Hrsg.): Weisheit. Neun Versuche. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 230 Seiten, 14 Euro.

In dieser Folge stehen auch die jetzt erschienenen "neun Versuche" über Weisheitspraktiken zwischen West und Ost, die Hampe mit dem im taiwanischen Taipeh lehrenden Kollegen Kai Marchal zusammengebastelt hat, in der stets schön gemachten Reihe "Fröhliche Wissenschaft" von Matthes & Seitz. Hampes eigener Beitrag in dem Band liefert eine kleine Theorie der Erzählung, die seine Motive deutlich werden lässt: Es geht ihm, wie es aus mancher Interpretation der Weltliteratur geläufig ist, um die allgemeine Kraft, welche ganz spezifische Geschichten aus dem Leben einzelner Figuren ausstrahlen können. Die erzählende Dichtung sei, so Hampe, "eine Art zu denken (...), die sich jemand, der sich um Weisheit kümmert, zu eigen machen kann, um der behauptenden Philosophie etwas entgegenzusetzen".

Und munter oszilliert man zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen

Na dann erzählen Sie mal, Herr Philosoph, ist man geneigt zu antworten, und der Schwenk ins Narrative hat ja auch schon Tradition in der Geschichte der Philosophie, von Platons Mythen zu Nietzsches Gipfelgängen. Und mit dem Stoizismus und dem Epikureismus, mit der Askese, der Aphoristik und der Moralistik kennt das europäische Denken ja auch die Sorge ums Selbst, einen ethisch-therapeutischen Zug neben der offenbar irgendwann nicht mehr befriedigenden "behauptenden Philosophie". Dies war das Terrain von Peter Sloterdijks Studie "Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik" (2012); ein Anliegen dieses neuen Bandes ist es nun, jene Tradition mit den Weisheitslehren Asiens zu verbinden.

Die verschiedenen Beiträge sind Mischungen aus Erfahrungen und Analysen. Und das Ausgesetztsein, das zum Berichten über Selbstvervollkommnungsversuche gehört, bringt es notwendig mit sich, dass dieses ganze Weisheitsprojekt zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen oszilliert. Dies wird durch eine rahmende Kettenbrief-Spielerei zwischen den Aufsätzen selbst ironisiert. Da darf etwa Gert Scobel mit großem Ernst über die Vorzüge des Meditierens schreiben, was er auch schon in eigenen Büchern getan hat, oder ein Fan des Tai-Chi (das sind die, die sich in Parks in Zeitlupe bewegen) darf erläutern, was das Ziel diverser Selbst-Übungen ist: einen Zustand der Inhaltsleere zu erreichen.

Diese Nicht-Konzeptualisierbarkeit dessen, was das Ergebnis langer Arbeit an sich selbst sein soll, macht die Weisheitslehren angreifbar und unangreifbar zugleich. Man kennt das schon von der Kritik an den Stoikern in der Antike: das Ideal des Weisen sei großartig, nur sei es so vollendet, dass noch nie jemand einen leibhaftigen Weisen gesehen habe. Genau so wandert man mal beeindruckt, mal ratlos durch diesen Sammelband.

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