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Mexiko: Musik und Drogenmafia:Verpflichtet vom Paten

In den letzten dreißig Jahren prosperierten die Narcocorridos. Dutzende Songs heizten Ende der achtziger Jahre den Bandenkrieg zwischen den Brüdern Arellano-Felix, den Chefs des Tijuana-Kartells, und deren Erzfeind Amado Carrillo Fuentes, dem "Herrn der Himmel" aus Ciudad Juárez, an. Gegen Bezahlung glorifizierten die Autoren von Narcocorridos die zahllosen Morde, die den Schlachten der beiden Banden folgten. In den neunziger Jahren wurde die Musik dann zu einem runden Geschäft: Musiker durften im Luxus leben, Produzenten übernahmen den lukrativen Vertrieb - und die Verbrecher konnten ihre Sünden der Bevölkerung beichten. 2010 erschien die 13. Folge der beliebtesten Compilation dieser Musik, die "Corridos prohibidos" ("Verbotene Corridos").

Darüber wird nur geflüstert

Narcocorridos sind nach einer erfolgreichen Gegenkampagne der Regierung im Radio zwar kaum mehr zu hören. Aber verbieten kann man sie in Mexiko nicht, ohne die Meinungsfreiheit zu gefährden. Denn dazu handeln die Lieder zu sehr von einer Realität, die oft verschwiegen wird. Die Songs verkünden, worüber in den untersten Schichten der Gesellschaft nur geflüstert wird. Sie sind die mündlich überlieferte Tradition von Leuten, die nur wenige Chancen haben, dem Verbrechen zu entgehen und ohne dessen Lasten leben zu können.

Die Interpreten der Narcocorridos sind Kultfiguren. Den charmanten Sergio Vega betrauerten Hunderte bei seiner Beerdigung. Andere Berühmtheiten wie Reynaldo Martínez, Lupillo Rivera, Jessie Morales und die Mitglieder der Band Los Tucanes de Tijuana sollen Landrover und Villen für ihre Lieder bekommen haben. Doch die größten Stars dieser bizarren Welt heißen Tigres del Norte. Vier Brüder und ihr Vetter gründeten die Band 1968. "Wir waren schon immer Chronisten der Problematik unseres Landes", sagte einmal Jorge Hernández, der Kopf der Gruppe. Die "Tigres" sind auch in südlichen US-Staaten sowie quer durch Mittelamerika bis nach Kolumbien berühmt. Sie touren sogar durch Spanien. Einmal sorgten die "Tigres" für Aufregung, als sie in einem Lied über die heute bekannten Frauenmorde von Ciudad Juárez in einer Zeit sangen, als darüber noch niemand etwas wissen wollte.

Was die "Tigres" als sozialen Protest verstanden wissen wollen, halten die gegenüber der Drogenmafia ohnmächtig gewordenen Politiker für Zynismus. Drogenbarone haben den schwachen mexikanischen Staat in Zonen eingeteilt, tonnenweise transportieren sie Kokain in die USA. In jeder Zone bedienen sich die Kartelle einer effektiven PR-Maschinerie: Sie bezahlen für die Komposition von Narcocorridos. Und diese handeln vom Drogenhandel, erzählen davon, wie schwierig es ist, Kokain-Ladungen zu verstecken; wie man sich für die Schmuggeloperationen in die USA vorbereitet; wie man der Familie den eigenen Job erklärt. Am Ende feiern die Bands entweder den Sieg der Barone, die die Droge über die Grenze bringen, oder sie betrauern gescheiterte Aktionen und die Toten.

Für viele Mitglieder der mexikanischen Regierung ist das eine Apologie der Kriminalität. Die Narcocorridos ließen eine Mafia-Kultur florieren, in der Draufgänger, Schlägertypen und vulgäre Angeber auf der Suche nach schnellem Geld als Vorbilder gälten. Der tote Sänger Vega sang in seinen Liedern oft von Ganoven mit Versace-Hosen, Lederjacken und an der Hüfte hängenden 32-Kaliber-Gewehren. Politiker, die Mexikos Image verbessern wollen, haben deshalb auch dem Musikgeschäft den Krieg erklärt. Man sollte das Land lieber wieder mit den Mariachi-Hüten, Tortillas und Tequila verbinden als mit Gewalt und deren Legenden. Die Partei der Nationalen Aktion (PAN) verlangt Gesetze, um die Verbreitung der Songs zu stoppen und Produzenten hinter Gitter zu bringen.

Viele Musiker bestreiten stets, geschmiert worden zu sein. Doch für die meisten der rund 8000 Bands, die es in Mexiko gibt, wäre es schier unmöglich, in Bundesstaaten wie Sinaloa zu spielen, ohne einem Paten verpflichtet zu sein. Bei einem Gefecht mit der Polizei starb vergangenen Dezember einer der bekanntesten, der "Boss aller Bosse", der Sänger Arturo Beltrán Leyva. "Ohne Gewalt haben die Corridos keinen Grund zu existieren", sagte ein Produzent.

Sergio Vega hatte sein Leben im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko verbracht. Dass er zu tief in die Kartelle gesunken war, wusste er selbst. Kurz bevor er seinen Pyjama anzog und sich in seinem roten Cadillac auf den Weg zum nächsten Konzert machte, hatte er eine Radiostation besucht. Bereits seit Tagen kursierten in der Region Gerüchte über seinen Tod. "Ich, der über die krassesten Themen singe, hab ein bisschen Ängstchen und muss an Gott denken", sagte er in der Radioaufzeichnung. Dann wurde er erschossen.

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