Ausstellung im Metropolitan Museum:Endlich auf den Sockel

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Ausstellung im Metropolitan Museum: Ikone schwarzer Emanzipation? Jean-Baptiste Carpeaux' Büste von 1873.

Ikone schwarzer Emanzipation? Jean-Baptiste Carpeaux' Büste von 1873.

(Foto: Metropolitan Museum of Art)

Das New Yorker Metropolitan Museum zeigt eine Ausstellung mit nur einem einzigen Kunstwerk. Und übt sich damit in Selbstkritik.

Von Sebastian Moll

Der Saal Nummer 521 des New Yorker Metropolitan Museum ist an sich nur ein Durchgangszimmer im Kunstpalast an der Fifth Avenue, ein schmaler niedriger Raum zwischen zwei großzügigen Ausstellungssälen. Im Rücken hat man hier, vom Eingang kommend, die monumentalen Hallen für die größte Sammlung byzantinischer und mittelalterlicher Kunst der Welt. Vor einem tut sich das lichtdurchflutete Atrium eines Anbaus auf, der 1975 für die opulente Sammlung an Skulpturen, Gemälden, Textilien und Manuskripten des New Yorker Financiers Robert Lehman errichtet wurde. So ist Raum 521 nicht gerade ein Ort, den das Museum für eine Ausstellung wählen würde, mit dem es im großen Stil auf sich aufmerksam machen möchte. Und doch hat es ausgerechnet hier die vielleicht interessanteste Schau des Frühjahrs platziert.

Der Titel ist "Fictions of Emancipation" - Fiktionen der Emanzipation. Dahinter verbirgt sich das Wagnis, einem einzigen Werk eine ganze Ausstellung zu widmen. Doch es geht bei dem Projekt nicht allein um Jean Baptiste Carpeaux' Büste, die eigentlich "La Negresse" hieß, nun aber nach der Inschrift "Pourquoi Naitre Esclave!" auf dem Sockel benannt ist. Der Raum ist vielmehr Ort für die Entfaltung eines wichtigen selbstkritischen Diskurses der Institution Met. Das Museum erwarb die Büste im Jahr 2019 als Ergänzung zur Marmorgruppe "Ugolino und seine Brüder" von Carpeaux, die eine Szene aus Dantes Inferno illustriert. Die beiden Stücke wurden in der großen Halle für europäische Bildhauerei und dekorative Kunst untergebracht, einer der Prachtgalerien des Museums.

Mit den "Black Lives Matter"-Protesten des Jahres 2020 und der damit verbundenen Kritik an der kolonialen Verfasstheit enzyklopädischer Museen rund um die Welt kamen jedoch der Direktorin der Abteilung für europäische Skulptur, Sarah Lawrence, ob der Platzierung Bedenken.

Sie ist zum Symbol der unbeugsamen schwarzen Frau geworden

Die Büste aus dem Jahr 1868 zeigt das von Schmerz und Verwirrung gezeichnete Gesicht einer schwarzen Frau, um deren Schultern sich die Fesseln der Unterdrückung legen. Im Zusammenhang der großen Werke westlicher Bildhauerkunst, so befürchtete Lawrence jedoch, ging die Brutalität, welche die Büste darzustellen sucht, im allgemeinen Kontext ästhetischer Erbauung unter. Also suchte sie, gemeinsam mit der Kuratorin Elyse Nelson, in der Galerie Nummer 521 für das Stück neue und unbequemere Zusammenhänge zu erschließen.

Die Büste hat als Bildnis der stolzen, ihre Fesseln abstreifenden, afrikanischen Frau seit ihrer Entstehung ikonischen Charakter angenommen. Replikate zieren Schaufenster sowohl an der Fifth Avenue als auch an den Champs Élysées, Pop-Queen Beyoncé verwendete sie als Requisite für einen Modeshoot. Die entblößte Brust macht die Figur zu einer schwarzen Marianne, sie ist im Laufe der Jahrzehnte zum Symbol der unbeugsamen schwarzen Frau geworden. Nelson sucht in ihrer Ausstellung jedoch diese Lesart zu unterwandern. Wie der Titel "Fictions of Emancipation" bereits andeutet, problematisiert die Schau Darstellungen der Emanzipation von der Epoche der Sklavenbefreiung bis heute und hinterfragt den kolonialen, imperialistischen Blick.

Die archetypische Büste wird in den Dialog gestellt mit den Arbeiten von Zeitgenossen Carpeaux' wie Charles-Henri Joseph Cordier, der als Meister der ethnografischen Bildhauerei der Grande Nation auf dem Höhepunkt ihrer Macht gilt. Dabei wird die Bildhauerei jener Zeit selbst als kolonialisierendes Projekt herausgearbeitet. Künstler wie Cordier und Carpeaux präsentierten in Pariser Salons stilisierte rassische Typen, man katalogisierte gewissermaßen die Bewohner des Empire mit einer ebenso exotisierenden wie erotisierenden Lust. Dabei wähnten sich Männer wie Cordier und Carpeaux durchaus als aufgeklärte Humanisten, so wie nicht wenige "Allies" der "Black Lives Matter"-Bewegung heute. Doch in den vermeintlich aufgeklärten Blick des Künstlers nistete sich unweigerlich die Fetischisierung ein.

Diese liest Elyse Nelson nicht zuletzt aus der Entstehungsgeschichte der Büste heraus. Die Büste war eine Studie zu Carpeaux' Brunnen im Pariser Jardin du Luxembourg, in dem die fünf Kontinente allegorisch als weibliche Figuren dargestellt werden. Das mutmaßliche Modell, die befreite amerikanische Sklavin Louise Kuling, wurde zum Archetyp stilisiert.

Hinzu kam, dass die Büste ein Auftrag der Kaiserin Eugénie zu einem Zeitpunkt war, in dem es in Frankreich die Sklaverei längst nicht mehr gab. Der Impuls zu ihrer Erschaffung war also kaum emanzipatorisch. Vielmehr hatte das Ansehen des französischen Kaiserpaars stark darunter gelitten, dass es aus wirtschaftlichen Erwägungen im Amerikanischen Bürgerkrieg den Süden unterstützt hatte. Mit der Darbietung der Büste in der kaiserlichen Residenz konnte Eugénie nun ihre gute Gesinnung demonstrieren und Popularitätspunkte zurückgewinnen.

Seit "Black Lives Matter" will das Museum "vielfältigen Stimmen Gehör verschaffen"

So warnt die Ausstellung nicht zuletzt vor den Untiefen des "Virtue Signaling", in welche die vermeintlich aufgeklärten Humanisten des 19. Jahrhunderts naiv hineingetappt sind. Gleichzeitig versucht sie zu demonstrieren, dass das große Metropolitan Museum, ebenfalls eine humanistische Institution aus jener Epoche, beginnt, seine Lektion zu lernen.

Spätestens seit "Black Lives Matter" gehört es zum erklärten Ziel des Museums, "vielfältigen Stimmen Gehör zu verschaffen", wie Direktor Max Hollein sagt. Das Museum soll ein Ort werden, "an dem man eine breitere kulturelle Diskussion auf hohem Niveau" führen kann, ohne in die aggressiven Antagonismen zu verfallen, welche die Debatten um Inklusion und soziale Gerechtigkeit häufig bestimmen. Dazu hat das Museum für die Eingangshalle ein Wandgemälde beim indigenen Künstlers Kent Monkman in Auftrag gegeben. Es hat die Abteilung für Ozeanien, Afrika und die Amerikas prominenter positioniert und es hat einen afrofuturistischen "Period Room" zwischen die historischen Interieurs gestellt, die dem Besucher den jeweiligen Zeitgeschmack verschiedener Epochen näherbringen sollen.

Dennoch ist von einer Institution wie dem Met nicht zu erwarten, dass sie sich selbst grundsätzlich hinterfragt. Eine moderate Selbstreflexion wird aber immerhin gefördert. Die neue Sprachregelung ist, dass man sich als "universalistisches" Museum versteht und nicht mehr als enzyklopädisches, auch wenn nicht klar ist, welche Verbesserung das bringt.

Universalismus hätte freilich gewiss auch Carpeaux für sich beansprucht. Darauf hat die schwarze Künstlerin Kara Walker eine zeitgemäße Antwort formuliert, die Elyse Nelson pointiert der Befreiungsbüste gegenüberstellt. Walker hat vom Antlitz der von Carpeaux dargestellten Frau einen Gipsabdruck genommen, der nun wie achtlos liegen gelassen in der Ecke des Raums 521 liegt. Gezeigt werden soll die Leere hinter der Maske. Carpeaux' Werk, so der Kommentar, zeigt niemanden und schon gar nicht, wie behauptet, irgendeine Essenz weiblicher Blackness.

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