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"Metropa"-Projekt:Streckennetz der Hoffnung

(Foto: metropa.eu/studio 77)

Der Musiker und Künstler Stefan Frankenberger aus Wien träumt von einer europäischen Superschnellbahn. Entstanden ist ein Plan, der einen offenen und starken Kontinent mobilisiert - und der das Zeug dazu hat, eine alte Geschichte neu zu erzählen.

Von Gerhard Matzig

Diese Verzagtheit, diese Verlogenheit, diese Armseligkeit, diese Machtlosigkeit - und am Ende ist es auch diese Ratlosigkeit, die sich in einen Nebel hüllt, der auch einer jener Tränen sein könnte, die vom Tränengas herrühren: Mit Blick auf die Syrienkrise und die Not am türkisch-griechischen Stacheldraht hat man sich als Europäer schon lange nicht mehr so elend gefühlt wie in diesen Tagen der Agonie. Doch vielleicht ist es kein Zufall, wenn man genau in diesem Moment einen Plan entdeckt, der auf den ersten Blick so arglos tut, als könne er auch in der Münchner S-Bahn zwischen Daglfing und Ismaning hängen. Oder in einem Bus in Palermo. In der Straßenbahn in Wien. In einem Bahnhof in Ankara, Minsk, Oslo, Glasgow, Dublin, Toulouse oder Tanger.

Womöglich ist das Projekt "Metropa" einer europäischen Superschnellbahn deshalb so faszinierend, weil der Plan davon, der plakativ Europa umarmt und auch mit der Welt dahinter zusammennäht, nicht nur ein Plan ist. Sondern zugleich auch Vision und Utopie, Sehnsuchtsort, Versprechen und Selbstvergewisserung. Am Ende einfach: Heimat. Diesen Plan, der Paris von West nach Ost mit Kiew und Oslo von Nord nach Süd mit Athen so anschaulich einfach und verblüffend einleuchtend "verbindet", gibt es in Wahrheit nicht. Es ist vorerst nur eine provokative, anregende und vielleicht ja auch überlebenswertvolle Idee des in Wien lebenden Künstlers und Musikers Stefan Frankenberger (www.metropa.eu). Als Poster oder Postkarte kann man den Plan auch nicht von der Bahn, sondern nur vom Kartografie-Verlag Freytag & Berndt beziehen. Doch ist dem bislang unveröffentlichten Plan zuzutrauen, sich überall bemerkbar zu machen - als Zeichen der Hoffnung. Als Chiffre des Glaubens.

Es ist zunächst wie immer, wenn man vor einem Plan der öffentlichen Infrastruktur steht, man schaut - egal, ob man die Subway in New York oder die Tram in München in den Blickt nimmt - mit nahezu kindlicher Begeisterung auf die Linien und Punkte, auf die Farben und Namen der Stationen. Immer fühlt man sich wie Gulliver, wie ein Riese, der in Siebenmeilenstiefeln fortschreitend die Weite erkundet und Nähe dort zu finden vermag, wo zuvor nur Ferne war. Ein Plan schafft nicht nur Ordnung, es erwächst ihm auch Zuversicht und Selbstgewissheit.

Wenn sich Stefan Frankenberger vorstellt, wie man in Europa nach dem Vorbild Luxemburgs kostenfrei eine europäische Superschnellbahn nach Art des TGV oder des Shinkansen realisieren könnte, die Europa auf ökologische und sinnlich begreifliche Weise im Wortsinn erfahrbar macht, dann ist das zugleich weniger und mehr als ein Plan. Es ist eine Idee. "Metropa", sagt Frankenberger, "ist eine Vision Europas, wie es in ein paar Jahrzehnten sein könnte, heruntergebrochen auf eine Alltagsgrafik, die Europa als Stadt, als Metropole zeigt: für jeden nutzbar, raumgreifend, universell." Oft fragt man sich, ob Europa das Narrativ abhanden gekommen ist, der Mythos. Vielleicht hat eine simple Streckenkarte das Zeug dazu, eine alte Geschichte neu zu erzählen.

© SZ vom 07.03.2020

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