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Leipziger Kunsthochschule kündigt Ludovic Balland:"Me Too": Kunstprofessor muss gehen

Pressefoto Hochschule für Grafik und Buchkunst HGB Leipzig, Außenansicht © Günther Beutner

Die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

(Foto: Günther Beutner/HGB)

Die Hochschule für Grafik und Buchkunst kündigt den Vertrag des Professors Ludovic Balland. Studierende werfen ihm Übergriffe und Machtmissbrauch vor.

Von Kito Nedo

Bislang wird die Debatte um Machtmissbrauch, Geniekult und übergriffiges Verhalten vor allem durch verschiedene Vorfälle in der Theaterszene befeuert. Dass auch in der Kunstwelt, insbesondere im Bereich der künstlerischen Ausbildung, Aufklärungsbedarf herrscht, zeigen jüngste Vorfälle an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), die jetzt erst öffentlich wurden. In einer Pressemitteilung erklärt die Hochschulleitung, dass sie Mitte Oktober über das Gleichstellungsreferat "mehrere detaillierte Beschwerden über das Verhalten von Ludovic Balland" erreicht hätten. Balland war zu dem Zeitpunkt Professor der Klasse für Typografie.

Nach interner Prüfung und Beratung durch verschiedene Gremien habe sich die Hochschule entschlossen, eine fristlose Kündigung auszusprechen, die Balland akzeptierte. Über die Art und Weise der Übergriffe wollte die Hochschule mit Hinweis auf den Schutz der Betroffenen keine Details mitteilen. Man habe "weitere erforderliche Schritte eingeleitet und den Fall an die Behörden weitergeleitet, um Wiederholungstaten zu verhindern", wird HGB-Rektor Thomas Locher in der Mitteilung zitiert.

Balland, geboren 1973 in Genf, hatte erst Anfang 2018 in der Nachfolge von Günter Karl Bose die Professur für Typografie im Studiengang Buchkunst/Grafikdesign an der HGB übernommen. Der international renommierte und mehrfach ausgezeichnete Grafiker mit einem eigenen Büro in Basel gestaltete unter anderem das grafische Erscheinungsbild der Documenta 14 (2017), der 5. Berlin Biennale (2008) sowie des Museums für Moderne Kunst in Warschau. Zwischen 2003 und 2015 lehrte er Typografie und Art Direction an der École cantonale d'art in Lausanne (ECAL). Auf eine am vergangenen Dienstag gesendete Bitte um Stellungnahme durch die SZ zu den Leipziger Vorfällen reagierte das Büro von Balland in Basel bislang nicht.

In der international vernetzten Kunstszene gibt es eine Kultur des Schweigens

Was den Fall für Leipzig besonders schmerzhaft macht, ist die Tatsache, dass es bereits vor der Berufung Ballands Kritik vonseiten der Studierenden gegeben hatte. In einem Schreiben an die Akademieleitung hatten HGB-Studierende schon vor den Probevorlesungen Zweifel an der Integrität von Balland artikuliert und Sorge vor einer möglichen Berufung ausdrückt. Wie eine Sprecherin der Hochschule nun mitteilte, sei man damals den Warnungen auch nachgegangen, hätte aber keine "belastbaren Informationen" finden können. Das internationale Renommee des Bewerbers und das Netzwerk, das er repräsentierte, wogen vermutlich stärker als die Zweifel an seiner persönlichen Eignung für die Aufgabe.

Hinderlich für eine Aufklärung ist in solchen Fällen auch die Kultur des Schweigens, die für die internationale Kunstszene charakteristisch ist. Es resultiert aus der engen internationalen Vernetzung einer kleinen Zahl von Akteuren, die sich wie eine Art Familie begreift. Diese Burgmentalität schützt die Täter und hält die Betroffenen von Anzeigen ab, da sie Benachteiligungen und Ausschluss befürchten müssen. Der Leipziger Fall zeigt nicht zuletzt auch, dass die Akademie sich in einem Kulturwandel befindet, in dem das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden neu verhandelt wird, was auch das stärkere Mitspracherecht von Studierenden einschließt.

© SZ
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