Ein Jahr #MeToo "Nirgendwo ist der Mann schwächer als in der Sexualität"

Allesamt Männer, denen vorgeworfen wird, ihre Machtpositionen ausgenutzt zu haben: Clinton, Hoffman, Wedel, Weinstein, Trump, Cosby, Spacey, Strauss-Kahn, Berlusconi und Lewine (von oben links im Uhrzeigersinn).

(Foto: AP, AFP, Reuters)

Der Geschlechtersoziologe Rolf Pohl ist überzeugt: Wir müssen wieder mehr über männliche Sexualität nachdenken. Denn sie führe Männer in ein Dilemma.

Interview von Ann-Kristin Tlusty

Ein Jahr ist es her, dass Tausende Frauen auf der ganzen Welt unter dem Hashtag #MeToo ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt teilten, mit Sexismus und Diskriminierung. Im Büro, in der U-Bahn, beim Date. Ein Jahr ist es her, seit diese geteilten Erfahrungen eine große gesellschaftliche Debatte ausgelöst haben. Aber was hat sich seitdem wirklich geändert im Umgang mit sexualisierten Übergriffen und Sexismus im Alltag? Die einen sind verunsichert ob der scheinbar komplizierter gewordenen Beziehung zwischen den Geschlechtern. Die anderen sind frustiert, weil die Übeltäter von damals langsam zurückkehren ins Rampenlicht. Wie soll es nun weitergehen mit dieser wichtigen Debatte? Der Sozialpsychologe Rolf Pohl sagt: Wir müssten wieder mehr über männliche Sexualität nachdenken. Denn sie führe Männer in ein Dilemma.

SZ: Herr Pohl, vor einem Jahr lösten die Missbrauchsfälle um den Filmproduzenten Harvey Weinstein zunächst eine Debatte in Hollywood aus - bevor sie sich auf die ganze Welt ausdehnte und von den Vorfällen in der Schwedischen Akademie in Stockholm bis zum alltäglichen Barflirt reichte. Ging die "Me Too"-Debatte zu weit?

Rolf Pohl: Nein, sie ging nicht weit genug. "Me Too" und alle ähnlichen Hashtags zeigen das erschreckende Ausmaß des in Kultur und Gesellschaft offenbar nach wie vor tief verankerten Alltagssexismus von der Anmache, dem Begrapschen bis hin zum sexuellen Übergriff. Solange wir diese strukturelle Verankerung und damit die tieferen Ursachen des Sexismus nicht ernsthaft angehen, bleibt der Kern des Problems bestehen. Dann wird die aktuelle Sexismus-Debatte allmählich einschlafen und geschlechterpolitisch weitgehend folgenlos bleiben.

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Sie forschen aus sozialpsychologischer Perspektive zum Thema Männlichkeit. Was bedeutet diese Verankerung von sexistischen Verhaltensweisen denn für Männer?

Sexismus ist ein strukturelles Problem - was aber nicht heißt, dass jeder einzelne Mann dem unterlegen ist. Man muss unterscheiden zwischen einer Struktur, die einen allgemeinen Druck auf die Ausbildung von Männlichkeit ausübt, und zwischen dem einzelnen männlichen Subjekt. Dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, ist daran zu erkennen, dass Sexismus in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen, Milieus, Arbeitsfeldern vorkommt.

Sexismus ist überall da, wo Männer und Frauen zusammentreffen. Wer jetzt aber sagt, "Das Patriarchat ist schuld", der macht es sich trotzdem zu einfach?

Ja. Wir können nicht mehr von einem holzschnittartigen Modell des Patriarchats sprechen. Andererseits dominieren Männer immer noch gegenüber Frauen. In der Soziologie spricht man deshalb von hegemonialer Männlichkeit - das heißt erst einmal: vorherrschende Männlichkeit. Der Begriff drückt aus, dass es innerhalb der Gruppe von Männern Abstufungen, eine Hierarchie gibt. Man spricht von der komplizenhaften, marginalisierten und unterdrückten Männlichkeit als untergeordnete Form.

Vor dem Hintergrund von "Me Too" scheint vor allem der Begriff der Komplizenschaft interessant: In Weinsteins Umfeld gab es wohl viele Männer, die über sein Verhalten Bescheid wussten, ihn aber nicht verrieten. Woher kommt diese männliche Verschwiegenheit?

Es gibt eine Form der männlichen Spiele, der männlichen Aura - in Vorstandsetagen zum Beispiel. Frauen sind in solchen homosozial männlichen Gruppen faktisch meist außen vor, spielen aber eine wichtige Rolle als Abwesende: Sie sind Symbole der Zurschaustellung, Symbole der Macht und übernehmen die Funktion von, wie Virginia Woolf sagen würde, "schmeichelnden Spiegeln". Sexismus ist auch ein Instrument des Wettbewerbs unter Männern. Wenn man sich anguckt, wie Donald Trump seine Frau vorführt, bestätigt sich das. Alle anderen Präsidentengattinnen hatten zumindest zum Teil einen eigenen Aufgabenbereich. Melania Trump hingegen ist wirklich nur schmückendes Beiwerk. Ein gutes Beispiel dafür, wie Männer ihr eigenes Ansehen durch Frauen erhöhen.

Rolf Pohl lehrt am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Hannover.

(Foto: Isabelle Hannemann)

An der Berichterstattung über "Me Too" wurde häufig kritisiert, dass die Trennlinie zwischen Sexualität und Gewalt nicht scharf genug gezogen wurde. Sie wiederum schreiben, sexuelle Gewalt sei männlich - und sehen die Ursache hierfür in der Konstitution männlicher Sexualität.

Es lohnt sich, mal wieder über männliche Sexualität nachzudenken. Nirgendwo ist der Mann schwächer als in der Sexualität, zumindest wenn er heterosexuell programmiert ist. Einerseits lastet auf ihm - im Sinne hegemonialer Männlichkeit - der Druck, autonom und keinesfalls abhängig zu sein. Andererseits bemerkt er in seinem Begehren, das er sehr wohl von Frauen abhängig ist. So ist in die Ausbildung von männlicher Sexualität eine ambivalente bis feindselige Haltung gegenüber Frauen und Weiblichkeit eingelagert. Ich bezeichne das als Männlichkeitsdilemma.

Die männliche Sexualität führt also zu einem Männlichkeitsdilemma - und dieses Männlichkeitsdilemma zu Gewalt?

Man tut ja so, als seien das zwei getrennte Bereiche: als gäbe es den Bereich der Sexualität, der vermeintlich ein Naturschutzpark harmonischer Beziehungen ist. Und den Bereich der Gewalt, der Aggression, der Macht. Aber das ist eine Illusion, gerade was die männliche Sexualität angeht. Meine These ist die: Bei allen Formen von sexueller Gewalt wird die Frau für das Begehren bestraft, das sie im Mann auslöst.

Solch eine Sexualisierung von Gewalt birgt jedoch auch das Problem, sexuellen Übergriffen eine archaische, urmenschliche, urmännliche Komponente zu verleihen. "Der Mann als Tier" - wie der Stern kürzlich titelte. Warum halten sich solch evolutionsbiologische Stereotype noch so hartnäckig?

Weil man es sich damit sehr einfach macht und Gewalt gut rechtfertigen kann: Der Mann kann nun mal nicht anders, das steckt in ihm tief verwurzelt drin. Diese Wahrnehmung entspricht dem derzeitigen Trend, eine vermeintliche Wesenhaftigkeit von "dem Mann" und "der Frau" zu bestimmen. "Männer sind halt schon immer so", "So sind Frauen nun einmal". Klar, die Gesellschaft wird immer komplizierter, da ist es schon verständlich, dass so ein Wunsch nach Vereindeutigung entsteht.