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#MeToo im Theater:Zeitlos? Hä?

Schlosstheater Moers

Den Mann (Matthias Heße) grillen Elsa Reining (Mitte) und Lena Entezami in Susanne Zauns Stück für seine Castorf-Zitate.

(Foto: Helmut Berns)

"25 Rollen, die eine Frau niemals spielen sollte": Susanne Zaun rechnet am Schlosstheater Moers vor, dass Schauspielerinnen in klassischen Rollen am Ende fast immer tot auf der Bühne liegen.

Es ist, als ob sie eine Zeitmaschine betreten: Wenn junge Schauspielerinnen ein Engagement am Stadttheater ergattern, besteht ihr Job plötzlich primär darin, zu lieben, zu leiden, auf den Knien älterer Männer zu sitzen und am Ende tragisch zu sterben. Klingt übertrieben? Die Dramatikerin und Regisseurin Susanne Zaun rechnet es in ihrer komisch-schlagkräftigen Uraufführung "Die Mutter aller Fragen oder 25 Rollen, die eine Frau niemals spielen sollte" am Schlosstheater Moers exakt vor: 24 der 25 vorgestellten Frauen aus dem Schauspielkanon, von Elektra über Julia bis zu Lulu, sind am Ende ihrer Stücke tot: erdolcht, vergiftet, ertrunken, erhängt. Warum? Wahlweise aus Liebe oder aus Mangel an Liebe. Allein Medea kommt mit dem Leben davon - sie wird "nur verflucht und gehasst".

Es sind Gespenster einer dienenden, abhängigen Weiblichkeit, die tagtäglich auf den Bühnen spuken, und weiter spuken müssen. Denn, so heißt es seitens der - Stand 2018 - zu 78 Prozent männlich besetzten Intendantenposten in Deutschland, in den Dramen von Shakespeare bis Ibsen würden eben existenzielle Fragen in zeitloser Manier verhandelt. Verhandelt ja, existenziell ja, zeitlos: hä?

Susanne Zaun und ihr Team gehen beherzt auf Geisterjagd, ihre Waffen: gesunder Menschenverstand, breitbeiniges Womansplaining, Analysen von Virginia Woolf bis Rebecca Solnit und der Bechdel-Test. Den Drei-Fragen-Katalog der amerikanischen Comickünstlerin Alison Bechdel, anhand dessen man feststellen kann, wie es um das Rollenverständnis in einem Film bestellt ist, besteht Goethes "Faust" mit Ach und Krach: Erstens gibt es darin zwei Frauen, Margarethe und Marthe. Diese sprechen, zweitens, auch mal miteinander. Und in einem Gespräch der beiden geht es, drittens, nicht um Männer. "Stattdessen geht es um Schmuck! Ich liebe Schmuck. Ich mag sie aber trotzdem nicht spielen!", ächzt Schauspielerin Lena Entezami auf der Bühne kauernd, mit der quälend niedlichen Stimme einer Mangafigur.

Widerstandsfrei lassen sich die reaktionären Rollen allerdings nicht entsorgen. Zum einen ist da der Mann, gespielt von Matthias Heße. Er eröffnet den Abend mit einer Macker-Suada gegen politische "Hashtag-Hashtag"-Korrektheit. Darin zitiert er fröhlich Frank Castorfs sexistische Einlassungen über Frauen, Fußball und Theater. Diese gipfelten in der Aussage "Wenn eine Frau besser ist, habe ich nichts dagegen. Nur habe ich so viele nicht erlebt" (SZ 29.6.2018). Richtig überzeugend mache er das aber nicht, pöbeln Heßes Kolleginnen in Machomanier, er solle endlich mal "die Hosen runterlassen". Zum anderen sind da die eigenen Widerstände. Sie liebe die Lady Macbeth einfach, gesteht die bis dahin so toughe Elisa Reining. Anstatt die Rolle auftragsgemäß als misogyn zu entlarven und zu beerdigen, gibt sie, mit roten Metzgerhandschuhen bewaffnet, eine Kostprobe ihres Könnens.

Zaun und ihrer Dramaturgin Larissa Bischoff gelingt eine leichte Revue über das schwierige Frauenbild auf und hinter deutschen Bühnen. Gender Pay Gap, Sexismus, Machtmissbrauch und gefährliche Klischees werden ebenso an die Wand geklatscht wie die 25 Erdbeeren, die für 25 Frauenrollen stehen. Zwar überraschen die präsentierten Fakten nach zwei Jahren "Me Too" kaum - verändert hat sich aber zu wenig. Vielleicht sind die Intendanten einiger großer Häuser einfach zu beschäftigt, um sich mit Genderkram zu befassen. Sie könnten ja mal ins kleine Moers reisen, bevor sie ihren nächsten Spielplan aufstellen und die nächsten Frauen in Zeitmaschinen schicken.