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#MeToo-Debatte:Sensation: Russischer Politiker räumt Fehler ein

Der Duma-Abgeordnete Leonid Sluzkij entschuldigt sich für sexistische Übergriffe. Es ist nicht die erste Sexismusdebatte im Parlament.

Von Julian Hans

Es war nur eine dünne Entschuldigung, aber gemessen an den Verhältnissen war es erstaunlich, dass überhaupt ein Wort des Bedauerns aus dem russischen Parlament verlautete. Er wolle "alle um Vergebung bitten, denen ich bewusst oder unbewusst Unannehmlichkeiten bereitet habe", schrieb der Abgeordnete Leonid Sluzkij am 8. März auf Facebook. "Glaubt mir, es war nicht mit böser Absicht". Dann folgten die üblichen Floskeln zum "Frauentag", der in Russland als Feiertag begangen wird und den Männern Gelegenheit bietet, Schönheit und Sanftmut ihrer Mütter, Ehefrauen und Geliebten zu würdigen.

Berichte über "Unannehmlichkeiten", die Sluzkij vielen Frauen bereitet habe, waren in den Wochen zuvor immer lauter geworden. Erst waren es nur anonyme Klagen von Journalistinnen, Sluzkij habe sie sexuell belästigt. Als Reaktion gab es Hohn und Spott aus dem Parlament. "Ich bin bereit, dir ein paar Journalistinnen abzunehmen!", schrieb der Abgeordnete Anton Morosow auf Facebook an Sluzkij. "Da können wir drüber reden", war dessen Antwort. Schon meldete sich der nächste Parlamentarier: "Ich nehme auch drei!". Sluzkij erntete viel Applaus für seine Antwort: "Nun mal langsam, Kollegen! Woher soll ich so viele Journalistinnen nehmen?!".

Für eine Debatte über sexuelle Belästigung musste Russland nicht auf die Metoo-Welle aus Amerika warten. Unter dem Hashtag "Ich habe keine Angst, darüber zu sprechen" wurde das russischsprachige Internet schon im Sommer 2016 mit Berichten von Frauen geflutet, die davon handelten, wie Männer Machtpositionen ausnutzten, um sexuelle Gefügigkeit zu erzwingen. Eine ukrainische Journalistin hatte die Aktion gestartet, an der sich bald auch viele Russinnen beteiligten - ein seltenes Beispiel grenzübergreifender Solidarität in Zeiten des Krieges.

Nicht zum ersten Mal ist das Parlament der Schauplatz einer Sexismusdebatte. Im April 2014 forderte der LDPR-Vorsitzende Wladimir Schirinowski bei einem Pressebriefing einen Mitarbeiter auf, eine schwangere Korrespondentin der Nachrichtenagentur Interfax zu vergewaltigen. Seine Partei erklärte den Ausbruch ihres Vorsitzenden später mit den Nebenwirkungen eines Medikaments. Seiner Position schadete der Eklat nicht, Schirinowskij erfüllt weiter seine Rolle als nationalpopulistischer Einpeitscher und tritt am kommenden Sonntag zum sechsten Mal als Zählkandidat bei einer Präsidentschaftswahl an.

835 Verkehrsdelikte in nur sechs Monaten: Der Mann scheint auch sonst keine Skrupel zu kennen

Sein Parteigenosse Sluzkij stritt zunächst alles ab. Das Ganze sei eine vom Ausland initiierte Kampagne gegen ihn als Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses: "Wenn man an meiner Arbeit nichts aussetzen kann, dann tauchen solche Provokationen auf". Als sich daraufhin einige Journalistinnen aus der Anonymität wagten und Situationen beschrieben, in denen Sluzkij in seinem Büro versuchte, sie zu küssen oder ihnen die Hand zwischen die Schenkel schob, forderte Sluzkijs Partei LDPR, ihnen die Akkreditierung zu entziehen. Dass sie so lange geschwiegen hätten, um das Thema jetzt, so kurz vor der Präsidentschaftswahl, aufzubringen, beweise, dass nicht Sluzkij das Ziel sei, sondern "unser Staat als Ganzes", sagte Igor Lebedew, der stellvertretende Duma-Vorsitzender ist und außerdem Schirinowskijs Sohn.

Spätestens nachdem eine BBC-Reporterin eine Tonaufnahme veröffentlichte, in der Sluzkij ihre Abwehrversuche mit dem Vorschlag kontert, sie könne ihren Freund ja heiraten, um dann "seine Frau und meine Geliebte" zu sein, zweifelt zwar niemand mehr daran, dass die Vorwürfe begründet sind. Aber man darf schon fragen, ob sich generell etwas ändern wird: Nachdem einige Medien erklärten, ihre Korrespondentinnen hätten Angst vor Treffen mit Sluzkij, empfahl der Duma-Vorsitzende Wjatscheslaw Wolodin in seinem Grußwort zum Frauentag: "Wenn Ihnen die Arbeit in der Duma zu gefährlich ist, suchen Sie sich besser eine andere".

Wie rücksichtslos der Abgeordnete Sluzkij sich unter dem Schutz seiner Immunität als Abgeordneter generell verhält, veranschaulichte kürzlich der Kreml-Gegner Alexej Nawalny. Er veröffentlichte einen Auszug aus dem Polizeiregister: In sechs Monaten wurden 835 Verkehrsdelikte von Autos registriert, die auf Sluzkij zugelassen sind. Darunter gemeingefährliche Aktionen wie Fahren auf der Gegenfahrbahn.

Zwar traute sich keine Vertreterin eines staatlichen Mediums, öffentlich Vorwürfe gegen den Politiker zu erheben. Aber bei den Gesprächen im Parlament traten alle in der Duma akkreditierten Journalistinnen gemeinsam auf. Am Samstag berichtete sogar Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums und sonst selbst schnell zur Stelle, wenn es darum geht, negative Nachrichten als Provokation aus dem Ausland abzutun, im Kreml-treuen Fernsehkanal NTW von "unangebrachtem Verhalten" Sluzkijs ihr gegenüber.

Wenn man bedenkt, dass in Russland bis heute keine noch so empörende Enthüllung über Korruption irgendwelche Konsequenzen nach sich gezogen hat, war die schlaffe Entschuldigung des Abgeordneten geradezu eine Sensation. Weibliche Solidarität hatte erreicht, wozu aufwändige Recherchen nicht in der Lage waren: Ein hochrangiger russischer Politiker räumt einen Fehler ein.

© SZ vom 12.03.2018
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