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Metoo-Debatte:Frauen in der Filmbranche sind immer noch eine Minderheit

Hollywood hat, was Frauen betrifft, in den letzten Jahren Fortschritte gemacht - aber sie bleiben überschaubar. Die Altersgrenze für Schauspielerinnen hat sich nach oben verschoben, und es gibt mehr Rollen für Frauen, die über Dekorationsobjekte hinausgehen. "Wonderwoman" wäre noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen, hätte als viel zu großes Risiko gegolten.

An der Präsenz auf der Leinwand insgesamt aber hat sich viel weniger getan. Martha Lauzen von der San Diego State University hat erst 2015 die 100 erfolgreichsten Filme des Jahres ausgewertet - nur ein Drittel der Rollen spielen Frauen. Weibliche Regisseure haben mehr weibliche Protagonisten in ihren Filmen, das kann man nachrechnen. Aber es gibt kaum Regisseurinnen in der Kino-Oberliga. Von den 1300 erfolgreichsten amerikanischen Kinofilmen, die zwischen 2002 und 2014 gedreht wurden, hatten nur 4,1 Prozent eine Regisseurin. Unter anderem deswegen ermittelt bereits seit 2015 die amerikanische Gleichstellungs-Bundesbehörde, die Equal Employment Opportunity Commission (EEOC), gegen die ganze Filmbranche wegen ihrer Einstellungspraxis und versucht, die systematische Benachteiligung von Frauen nachzuweisen.

Natürlich können sich Filmfirmen - in Kanada und in Großbritannien gibt es das schon - einen Verhaltenskodex für Dreharbeiten von Mitarbeitern unterschreiben lassen, um Belästigung einzudämmen. Effektiver wäre es, wenn Frauen nicht von vorneherein fast immer in den schwächeren Positionen in der Filmbranche wären. Das ist in Hollywood noch schwerer herzustellen als anderswo - weil fast alle Jobs von Agenten vermittelt werden. Jedes Mal, wenn für einen Film ein Regisseur oder Drehbuchautor engagiert wird, bekommt, wie auch bei Schauspielern, ein Agent seinen Anteil. Der Agent hat Interesse daran, seine teuersten Klienten zu vermitteln, weil das lukrativer ist - und wenn die Frauen geringere Gagen bekommen, werden sie zuletzt vorgeschlagen. Und so bleibt es dann auch bei den niedrigeren Gagen. Ein Teufelskreis.

Jessica Chastain hat das vor drei Wochen im Branchenblatt Hollywood Reporter beklagt - sie hat ihre eigene Produktionsfirma gegründet, aber wenn sie für ein Projekt darum bittet, dass die Agentur ihr eine Liste mit Autoren schickt, stehen nur Männernamen darauf: "Mir wird langsam klar, dass sie die Autoren anbieten, die höhere Gagen erhalten, weil sie Prozente dieser Gage bekommen. Da versteht man doch langsam, warum es so wenige weibliche Filmemacher gibt, oder? Bei Schauspielern verstehe ich das nicht: Warum ist eine erfolgreiche Agentur, die genau weiß, wer was bei einem Projekt bekommt, damit einverstanden, dass eine Klientin nur ein Drittel von dem bekommt, was ihrem männlichen Co-Star bezahlt wird? Nach ,Zero Dark Thirty' bekam ich viele Bücher mit weiblichen Hauptrollen. Und mein Deal wurde erst gemacht, wenn die männliche Hauptrolle besetzt war - damit man sieht, was übrig ist."

Eine Agentur hat nun erste Versuche beschlossen, sich selbst zu beurteilen - ICM, wo etwa die "Grey's Anatomy"-Erfinderin Shonda Rhimes unter Vertrag steht, will bis 2020 auf allen Ebenen eine Frauenquote von 50 Prozent einführen - in der Hoffnung, dass Frauen wenigstens nicht aus irrationalen Gründen die Interessen ihrer Klienten verraten.

Sonst hilft nur noch die Untersuchung der Gleichstellungsbehörde. Die Behörde kommentiert ihre Untersuchungen ausschließlich, wenn sie gerichtlich gegen eine Branche vorgeht - das ist bislang nicht passiert. Von der ganzen Untersuchung hat die Öffentlichkeit nur erfahren, weil die Regisseurin Catherine Hardwicke, die unter anderem "Twilight" inszeniert hat, die Presse informiert hat. Sie hatte vor den Ermittlern stundenlang ausgesagt, Mail-Verkehr zur Verfügung gestellt und beschlossen, auch dazu zu stehen. Sie ist damit ein hohes Risiko eingegangen - denn beliebt hat sie sich bei den Studios mit ihrer Offenheit nicht gemacht. Immer wieder berichten Schauspielerinnen und Regisseurinnen davon, wie gefährlich es ist, sich zu beschweren. Sogar Jennifer Lawrence, die derzeit zu den erfolgreichsten Stars überhaupt zählt, sagt im Interview mit dem Hollywood Reporter, dass sie immer Angst hat, als schwierig zu gelten. Schwierig, das ist so eine Art Codewort für schwarze Liste. Früher einmal durften Schauspielerinnen große Diven sein - aber damals war auch noch vollkommen klar, dass sie ansonsten nichts zu melden haben.

© SZ vom 15.12.2017/kel

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