Netzkolumne:Mittendrin statt nur davor

Netzkolumne: Facebook-Chef Mark Zuckerberg stellt 2019 das Oculus Quest Virtual-Reality-Headset vor. Künftig könnten User mit Hilfe solcher Brillen ins Internet gelangen und dort genau jene Version von Realität sehen, die den Firmen passt.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg stellt 2019 das Oculus Quest Virtual-Reality-Headset vor. Künftig könnten User mit Hilfe solcher Brillen ins Internet gelangen und dort genau jene Version von Realität sehen, die den Firmen passt.

(Foto: Amy Osborne/AFP)

Das Internet als dreidimensionaler Raum, in dem man Inhalte nicht nur anschaut, sondern in ihnen steckt: Metaverse ist die aktuelle Vision der Tech-Branche. Auch Facebook arbeitet an der Entwicklung.

Von Michael Moorstedt

Es ist ja nicht so, als hätte Facebook-Chef Mark Zuckerberg gerade mal wieder nicht genügend mit der Gegenwart zu tun. Gerade etwa werden vermehrt Stimmen laut, die seinem Unternehmen eine Mitschuld an den vielen Corona-Toten geben. Wegen der hanebüchenen Desinformation über Impfungen und die Pandemie, die scheinbar völlig ungehindert auf dem sozialen Netzwerk grassieren. Während einer Protestaktion am vergangenen Mittwoch breiteten Aktivisten Leichensäcke auf dem Bürgersteig vor dem Facebook-Büro in Washington D.C. aus.

Anstatt die Probleme der Gegenwart anzugehen, denkt aber Zuckerberg lieber öffentlich darüber nach, wie sein Unternehmen in den nächsten fünf Jahren aussehen wird. Man werde Milliarden von Dollar in die Hand nehmen, um aus dem sozialen Netzwerk von heute ein "Metaverse-Unternehmen" zu schaffen.

Metaverse ist ganz aktuell der Lieblingsbegriff von selbst ernannten Technologie-Vordenkern und Risikokapitalgebern. Dem Schlagwort ist kaum zu entkommen. So gut wie jede große Firma arbeitet an ihrer eigenen Version oder besser Vision, denn allen gemein ist, dass die konkreten Ideen noch reichlich vage sind. Metaverse, so wie es frühe Science-Fiction-Autoren wie Neal Stephenson oder etwas zeitgemäßer Ernest Cline in seinem Bestseller "Ready Player One" beschrieben haben, besagt zunächst, dass man sich, anstatt so wie heute, über flache Webseiten zu bewegen, in einem dreidimensionalen Raum befindet. Je nachdem welcher Lesart des technologischen Fortschritts man anhängt, hört sich das entweder an wie eine Utopie oder eine Dystopie.

"Virtual Reality aber mit nicht wegklickbarer Werbung" nennt es die Software-Entwicklerin und Autorin Wendy Liu

Man könne sich "das Metaverse aber auch als ein verkörpertes Internet vorstellen, in dem man Inhalte nicht nur anschaut, sondern in ihnen steckt", so Zuckerberg. Es sei ein fundamental anderer Zugang zum Netz als heutzutage. Schließlich verbringt man die meiste Zeit damit, sein Leben und seine vielfältige Kommunikation durch diese kleinen, leuchtenden Rechtecke zu übermitteln. "Ich glaube, die Menschen sind nicht wirklich für die Interaktion geschaffen", so Zuckerberg. Viele dieser Unternehmen wollen, dass man irgendwann ihre Augmented-Reality-Brillen trägt, um buchstäblich genau jene Version von Realität zu sehen, die den Firmen am besten passt. Oder wie es die Software-Entwicklerin und Autorin Wendy Liu auf Twitter ausdrückt: "Virtual Reality aber mit nicht wegklickbarer Werbung."

Interessant ist, dass mit dem Erspinnen solcher Visionen gleichzeitig der Status quo kleingeredet wird. Das Internet ist ohnehin bereits eine Sphäre, aus der man sich nicht einfach ausloggen kann. Die Menschen haben gar nicht mehr die Möglichkeit oder gar die Wahl, seine Auswirkungen auf einen wie auch immer gearteten Zustand namens "online" zu beschränken. Sie können nicht ignorieren, wie es den physikalischen Raum bereits umgestaltet hat oder wie die vorausgesetzte Konnektivität ihre Handlungsfähigkeit in so gut wie jedem Moment beeinflusst.

Das Problem ist, dass nach wie vor nur daran gearbeitet wird, diese Strukturen noch erdrückender zu realisieren, ohne die zugrunde liegende Politik der Netzwerke zu hinterfragen. Wenn man es schon nicht schafft, einen zweidimensionalen Raum sicher zu gestalten, ohne dass permanent gesellschaftszersetzende Fake News in ihm wabern, wie will man das dann in einem noch viel umfänglicheren Rahmen gewährleisten? Anders gefragt: Zersplittert dieses von Zuckerberg angedachte Metaversum unsere Wahrnehmung einer gemeinsamen Realität noch weiter als ohnehin schon? Und: Gibt es überhaupt jemanden, der weniger geeignet wäre, eine solche Realität zu bauen als er?

© SZ/knb
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