Netzkolumne:Keine Liebe, aber Beine

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Netzkolumne: Meta-Chef Mark Zuckerberg als virtueller Avatar im Metaverse.

Meta-Chef Mark Zuckerberg als virtueller Avatar im Metaverse.

(Foto: IMAGO/Cover-Images/IMAGO/Cover-Images)

Das Metaverse könnte die Arbeitskultur revolutionieren. Aber wie soll man sich in der virtuellen Realität bewegen? Meta kündigt Aufsehenerregendes an: virtuelle Beine.

Von Michael Moorstedt

Mark Zuckerberg vollführt einen kleinen Luftsprung - und landet sicher auf den eigenen Beinen. Warum das eine Meldung wert ist? Weil er den Hopser in der virtuellen Realität meisterte.

Dazu muss man wissen, dass die Avatare, also die Nutzerverkörperungen in heutigen Virtual-Reality-Anwendungen eher aussehen wie schwebende Büsten. Die digitalen Körper sind ab der Hüfte abgeschnitten. Das war eher eine aus der Not geborene als eine ästhetische Entscheidung. Zum einen, um zu verhindern, dass die Nutzer, mit der Brille vor den Augen und damit blind für die wirkliche Realität, über ihr eigenes Mobiliar stolpern. Und zum anderen, weil zu viel Bewegung in der virtuellen Variante der Wirklichkeit dazu führt, dass Menschen zuverlässig speiübel wird.

Wenn von der virtuellen Realität die Rede ist, sprechen sogenannte thoughtleader in ihren Debattenbeiträgen und Impulsvorträgen gerne von Immersion und Präsenz, also dem Gefühl, tatsächlich vor Ort zu sein. Doch auf der großen Konferenz, die der Meta-Konzern in der vergangenen Woche ausrichtete, um den Menschen zu zeigen, wie sie in Zukunft leben und arbeiten sollen, waren die neuen Beine die größte Sensation. Aber der Weg in diese Zukunft ist noch weit: Am Donnerstag gab Meta in einem Statement zu, dass es bei dem vorgeführten Luftsprung getrickst hatte. Er fand gar nicht wirklich in der virtuellen Realität statt, sondern wurde für das Demovideo lediglich als künstliche Animation erzeugt.

Vielleicht setzt sich so das Metaverse per Anordnung durch

Und es stellen sich auch grundsätzliche Fragen: Warum sollten sich die Menschen nach zweieinhalb Jahren Erfahrung mit Home-Office noch hermetischer von der Außenwelt abriegeln wollen - und 1500 Dollar für die nötige Technik ausgeben? Meta kooperiert nun mit Microsoft, um Office-Programme wie Word oder Excel ins Metaverse zu bringen. "Wir glauben, dass ein vereinheitlichtes, digitales Büro die verteilte Arbeit so viel besser machen kann", sagte Zuckerberg.

Man blickt dann also durch die VR-Brille, die nichts anderes ist als zwei direkt vor die Augen montierte Displays, in einen künstlichen Raum, in dem man wiederum auf einen Bildschirm starrt. Viel mehr Entfremdung ist kaum vorstellbar. Noch dazu hat man statt fantastischer Landschaften doch nur wieder ein schnödes Büro vor Augen. Doch nicht genug der Dystopie: Im Inneren der Brille sind fünf Kameras auf das Gesicht des Nutzers gerichtet, um Augenbewegungen und Gesichtszüge auf den Avatar zu übertragen. Bei der Meta-Unternehmensgeschichte ist kaum vorstellbar, dass die so ausgelesenen Daten nicht irgendwann auch vermarktet werden.

Anstatt um die Zukunft des Internets, die Bedeutung von sozialen Interaktionen in digitalen Räumen und unsere Beziehungen zur virtuellen und physischen Welt geht es letztendlich also doch nur wieder um mehr Produktivität. Und um eine weitere Ebene der Kontrolle. Denn wer als Avatar zugeschaltet ist, kann nicht mal schnell die Kamera ausschalten. Und so lässt sich vielleicht auch die Frage nach dem Warum schon bald leicht beantworten: Weil man es muss.

Meta selbst macht es vor. Zuletzt beschwerte sich das Management des Unternehmens über die eigenen Mitarbeiter, diese würden die Brillen nicht häufig genug benutzen. Der Vizepräsident des Konzerns schrieb deshalb einen Brandbrief: Jeder, der in dem Unternehmen arbeitet, sollte es sich zur Aufgabe machen, sich in die künstliche Welt zu verlieben. Auf Befehl.

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