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Messe:Farbe bekennen!

Auf der Art Cologne laufen die Geschäfte, und bei den rheinischen Sammlern sitzt das Geld locker. Doch Messe und Händler sollten sich nach ihren bescheidenen Erfolgen nicht zurücklehnen.

Harmlos wirkt die diesjährige Art Cologne. Und das ist, zumindest was die ökonomische Gesundheit der Messe angeht, zunächst einmal ein gutes Zeichen. Denn gerade kleinere oder schlingernde Messen versuchen oft, durch Ernsthaftigkeit zu überzeugen, was sich dann gern am ambitionierten kuratorischen Überbau oder an anspruchsvollen geopolitischen Schwerpunkten äußert. Wenn der Laden erst mal läuft gerät das visuell oder inhaltlich Fordernde wieder in den Hintergrund. Insofern ist die Art Cologne nach den Aufs und Abs der letzten Jahre unter ihrem Direktor Daniel Hug wieder ganz im Establishment angekommen.

Die Harmlosigkeit der diesjährigen Art Cologne ist aber auch ein schlechtes Zeichen. Sie zeugt von großer Verunsicherung. Die Zeiten auf dem Kunstmarkt sind nicht rosig, auch wenn immer neue Auktionsrekorde oder das Interesse von Hip-Hop- und Hollywoodstars an der zeitgenössischen Kunst das Gegenteil suggerieren. Vom High-End-Boom profitiert schließlich nur ein kleines Segment des Handels, zu dem die allermeisten Aussteller, die man traditionell in Köln sieht, nicht gehören. Da wären Strategien, wie man auf einen solchen Markt reagiert, vonnöten. Stattdessen flüchten sich die meisten Galerien hier in Masse statt Klasse.

Die Händler setzen auf gut dokumentierte Provenienzen und museale Absicherung

In der Sektion für Klassische Moderne und Nachkriegskunst der erstmals in drei Bereiche gegliederten Messe setzt man vielfach auf Sicherheit durch Offenlegung der Provenienzen und auf das museale Gütesiegel. So ist etwa Zero-Kunst, momentan auf "Welttournee", wie Samuelis Baumgarte (Bielefeld) seinen Heinz Mack per Schriftband bewirbt, entsprechend stark vertreten. Auf dem Stand von Mike Karstens (Münster) drängten sich schon früh die Besucher um Auflagenwerke von Sigmar Polke, dessen Retrospektive zur Zeit im Kölner Museum Ludwig zu sehen ist. Auch neue Labels helfen bei der Vermarktung, so bei Schlichtenmaier (Grafenau/Stuttgart), der den deutschen Hard-Edge-Maler Georg Pfahler unter "German Pop" verschlagwortet.

Die Art Cologne ist nach den Aufs und Abs der letzten Jahre unter ihrem Direktor Daniel Hug wieder ganz im Establishment angekommen.

(Foto: Philipp Pflug Contemporary/Frankfurt a. M.)

Von der nächsten Aufwertungsrunde auf dem Kunstmarkt könnte aber auch das Neo-Geometrische profitieren, wie es bei Lahumière aus Paris seinen Auftritt hat. Bei Werken wie dem zackig schwarz-weißen "Jazz" (1966) der weniger bekannten Geneviève Claisse ist mit 25 000 Euro bestimmt noch Luft nach oben. Schwierig wird es, wenn sich die Nachkriegshändler mit Gewalt am Gegenwärtigen versuchen. Da ist etwa Christian Awes "Farbe bekennen" (2013) bei Ludorff (Düsseldorf) mit dem Titel noch euphemistisch beschrieben.

Dann lieber in die konventionelle Koje, zu Henze & Ketterer, wo man Kirchners ungewöhnlich schraffiert-flächiges Gemälde "Badende Frauen und Kinder" (1925/1932) entdecken kann, oder zu Valentien, die sich über die Rarität der Marcel Breuer'schen Gouache "Personnage Mécanique" (1923) freuen.

Produktionsnähe muss man wohl das Verkaufsargument in der Sektion "New Contemporaries" nennen, die gemeinsam mit den "Collaborations" in der obersten Halle angesiedelt sind. Allerdings ist das, was momentan aus den Ateliers der Künstler kommt, weit von der Progressivität entfernt, die Daniel Hug als eine Art dauerhaften Wesenskern der Kölner Messe beschwört. Kaum etwas hier tritt mit einer eigenen Behauptung an. Das meiste wirkt wie zusammengesetzt aus dem immer gleichen Bausatz der selbstreferentiellen Malerei oder der Installation. Da beglückt es schon, wenn Matthew Ronay bei Markus Lüttgen (zurück in Köln) den Blick auf die Bildsprache außereuropäischer Kulturen richtet. Oder wenn Kasia Fudakowski bei Chert (Berlin) eine symbolische Gerichtsschranke errichtet, die in ihrer Dürftigkeit auf die wackligen Standards der Justiz verweisen soll.

In der Sektion "Collaborations" tun sich je zwei Galerien zu einer gemeinsamen Präsentation zusammen. Wie etwa Thomas Rehbein aus Köln und Stalke Galleri aus dem dänischen Kirke Saaby. Sie zeigen auf violetten Wänden furchtlos die Werke des 1934 geborenen William Anthony, der Ikonen der Kunstgeschichte einen derben Touch von "Beavis and Butt Head" verleiht.

Die andere Option sieht die Kombination zweier künstlerischer Positionen unter dem Dach einer Galerie vor, die zu erstaunlichen Ergebnissen führen kann. So bei der Konfrontation von Wilhelm von Kaulbach mit Max Brand am Stand von Jacky Strenz. Hier werden Kaulbachs präzise Vorskizzen einer (preislich höher angesiedelten) farb- und motivintensiven Malerei gegenübergestellt - der Zeitgenosse als Hofmaler des 21. Jahrhunderts. Selbstkritik light, wenn man so will.

Reif für die nächste Aufwertung: Neogeometrie wie dieses unbetitelte, 1971 entstandene Gemälde von Jean Dewasne bei Lahumière, Paris.

(Foto: Galerie Lahumière, Paris/VG Bild-Kunst, Bonn 2015)

Der Großteil der 209 Aussteller aber findet sich im Bereich der internationalen Stände mit zeitgenössischer Kunst, bei dem die Großgaleristen Ropac (Salzburg/Paris) und David Zwirner (New York) so etwas wie die symbolischen Pfeiler des Eingangspylons bilden. Ihnen gleich gegenüber bietet Carsten Greve von allem und jedem etwas an, eine Gemischtwarenstrategie, mit der er leider nicht allein ist. So erinnert diese Sektion trotz großzügiger Hallenarchitektur stellenweise an eine Shopping Mall, in der die Stände mit Subtilerem beinahe untergehen.

Einzelwerke mit kritischem Inhalt wie etwa Andrea Bowers' "No one is illegal" (2014) bei Capitain Petzel oder die Bodenarbeit "Mama Africa" (2012) des Kameruners Barthélémy Toguo bei Nosbaum Reding aus Luxemburg sind Raritäten. Dasselbe gilt für auf wenige Künstler konzentrierte oder programmatisch aufgebaute Stände wie die von Kadel Wilborn (Düsseldorf) oder Nagel Draxler (Berlin/Köln). Dabei sollte man meinen, dass Sammler, die ihr Geld in diesem Preissegment ausgegeben wollen, eine Orientierungshilfe gut gebrauchen könnten.

Es wird sich erst am Ende der Messe zeigen, ob farbige Harmlosigkeit die richtige Strategie gewesen ist, das überwiegend rheinische und dem Kaufen trotz allem nicht ganz abgeneigte Publikum zu überzeugen. In jedem Fall aber bildet die Art Cologne an vielen Stellen einen Bereich des Kunstmarkts ab, dem man dringend mehr Mut zur eigenen Profilschärfung wünschen möchte.

Art Cologne. Bis Sonntag. www.artcologne.de

© SZ vom 18.04.2015

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