Messe Ende der Kolonialzeit

Erst vor einem Jahr hatte sich die Schweizer Messegesellschaft bei der Art Düsseldorf eingekauft. Kürzlich ist sie wieder ausgestiegen. Doch die rheinische Messe floriert auch ganz alleine.

Von Michael Kohler

In der hinteren Halle rumst es plötzlich ganz gewaltig. Eine umgekippte Erwin-Wurm-Statue kann es nicht gewesen sein, denn die würde im Vergleich zu diesem Lärm wie eine Feder fallen. Außerdem zeigt Johann König, der gleich drei große Wurms nach Düsseldorf gebracht hat, keinerlei Anzeichen von Panik, und auch Judy Lybke von Eigen+Art schaut, als sei nichts Besonderes geschehen. Wahrscheinlich gewöhnt man sich einfach schnell daran, dass hinter der Fabrikhalle, die jetzt die Art Düsseldorf beherbergt, immer mal wieder Laster ihre Schuttladungen zu Boden rauschen lassen. Das jedenfalls wäre eine schlüssige Erklärung für den Radau.

Ein mittelschweres Beben gab es auch, als die Art Düsseldorf letztes Jahr im malerischen Industriebau Böhler Premiere feierte. Daniel Hug, Leiter der Art Cologne, vermutete schon einen Generalangriff der Messe Schweiz, die mit der Art Basel die wichtigste Kunstmesse der Welt veranstaltet, sich bei den Neu-Düsseldorfern einkaufte und laut Hug am liebsten die gesamte Kunstwelt kolonialisieren würde.

Ganz so kriegerisch fiel die Düsseldorfer Premiere dann aber nicht aus, und mittlerweile hat sich die MCH Group von ihrer Idee, in allen Kontinenten Regionalmessen zu akquirieren, schon wieder verabschiedet. Weil der Basler Uhrenmesse die Aussteller davonlaufen, muss der gesamte Konzern sparen. Seit einigen Wochen stehen die Schweizer Anteile an der Art Düsseldorf, immerhin 25,1 Prozent, offiziell zum Verkauf. Auch das machte am Kunstmarkt einen gehörigen Rumms.

Walter Gehlen will sich davon aber nicht erschüttern lassen. Der Leiter der Art Düsseldorf sagt zur Eröffnung, man habe "allen Anlass, total entspannt zu sein", denn die MCH Group sei weder an der Sponsorensuche noch am Budget beteiligt gewesen. "Die Messe funktioniert und finanziert sich aus sich selbst heraus", so Gehlen, bereits mit der ersten Ausgabe habe man einen "respektablen Gewinn" gemacht. "Wer sagt, man könne mit 79 Messeteilnehmern keine schwarzen Zahlen schreiben, darf gerne in unsere Bücher sehen."

So viel Selbstbewusstsein ist derzeit selten am deutschen Kunstmarkt - sei es echt oder nur gut gespielt. Gerade mittelständische Galeristen klagen über Kostendruck, staatlich verursachte Wettbewerbsnachteile und das Aussterben engagierter Sammler alten Schlags. Die kamen noch in die Galerie, um einzukaufen, statt sich an den reichhaltigen Auslagen der Messen zu bedienen. Und weil die meisten Galerien nur noch auf kostspieligen Messen gut verkaufen, steigt für sie das wirtschaftliche Risiko. "Messen sind schwierig", sagt etwa der Kölner Galerist Philipp von Rosen. "Aber ohne Messen geht es nicht."

Von Rosen hat in Düsseldorf einen Doppelstand mit Priska Pasquer bezogen und zeigt bildunwürdige Straßenszenen des Belgiers Koen van den Broeck, die dieser nach Fotografien malt. Die Suche nach seinen aufreizend nichtssagenden Motiven überlässt van den Broeck absichtlich dem Fotoapparat, seine künstlerische Freiheit findet er darin, Asphalt ein wenig trister zu malen, als dieser ohnehin schon ist.

Daneben wirkt Ulrike Rosenbachs graues Selbstbildnis mit Elvis schon beinahe frivol: Im Jahr 1969 nahm sich Rosenbach die Freiheit heraus, Andy Warhols ikonisches Elvis-Bild als Cowboy mit gezückter Waffe in ein Duell der Geschlechter zu verwandeln. In Paris, so Pasquer, habe Brigitte Macron, Gattin des französischen Präsidenten, ihre Rosenbachs ausgiebig bewundert - solche Prominenz hat selbst die an der Königsallee gelegene Landeshauptstadt nicht zu bieten.

Die Händler kommen in der Hoffnung auf eine legendäre Figur: den rheinischen Sammler

Dafür bietet Düsseldorf die Aussicht auf eine geradezu legendäre Figur: den rheinischen Sammler. Dieser verhalf nicht nur der Art Cologne zum Aufstieg an die Spitze des Kunstmarkts, er soll nun auch kauffreudig genug für zwei rheinische Messen sein. Mit diesem Versprechen lockt die Art Düsseldorf einen Marktgiganten wie die Galerie David Zwirner in ihre Hallen, und auch die Anwesenheit vor Ort ansässiger Größen wie Hans Mayer dürfte mehr sein als eine Geste der Heimatliebe. Galerien aus dem Rheinland bilden weiterhin den Kern der auf 91 Teilnehmer gewachsenen Messe, doch hinzu kommen Händler aus der "Region", also aus den Beneluxländern und Berlin, was auf dem Kunstmarkt anders als am Obst- und Gemüsestand kein Etikettenschwindel ist. Und damit bloß niemand auf die Idee verfällt, die Art Düsseldorf sei provinziell, sorgen über die Messe verstreute Galerien aus New York, London oder Athen für internationales Flair.

Aus New York ist etwa Marc Straus angereist. Im Gepäck hat er Werke des texanischen Malers Otis Jones, der mit 70 Jahren gerade einen späten Durchbruch in den USA erlebt. Die Turiner Luce Gallery zeigt Derek Fordjours afro-amerikanische Genreszenen, die aus Schichten bemalter Papierfetzen bestehen; aus Antwerpen hat Axel Verwoodt einen von El Anatsui aus Kupferdraht und Kronkorken gewirkten Wandteppich mitgebracht; und die Wiener Galerie unttld contemporary bietet für zehn Euro digitale Wertmarken an, mit denen man zwar keine Kunst, aber dafür anteilige Vorschlagsrechte für Jonas Lunds nächste Arbeiten kaufen kann.

Auch für Johann König geht die Rechnung mit dem Rheinland auf. "Köln im Frühling, Düsseldorf im Herbst, das funktioniert für uns." Berlin hingegen brauche keine Messe, denn dort gebe es nun mal keine Sammler. Das darf man als Wink an Daniel Hug verstehen, der mit der Art Berlin eine herbstliche Konkurrenz für die Art Düsseldorf mehr oder weniger aus dem Boden stampfte. Einen guten Rat hat König für den Kölner Messechef: "Warum übernimmt die Kölnmesse nicht den Schweizer Anteil an der Art Düsseldorf?" Dann wäre das Ende der Kolonialherrschaft besiegelt.

Art Düsseldorf. Bis 18 November.