Messe Der Rest ist Kunstgeschichte

Die Art Cologne brummt. Zur alten Nachkriegsgröße wird es Köln als Kunsthandelsstandort nicht mehr bringen. Aber Angst vor der Konkurrenz Berlin hat hier keiner mehr.

Von Catrin Lorch

Die Fische hängen da wie Trophäen. Sie sind groß, sehen schwer aus. Ein guter Fang. An ein grob gezimmertes Holzgestell gehängt, trennen sie die Koje der Galerie Nagel Draxler auf der Art Cologne zum Gang hin ab, ein Hingucker, der wie gemacht ist für eine Kunstmesse. "The Fisheries" (2016) kostet um die 70 000 Euro und liegt damit im Vergleich zu den Werken an anderen Ständen in dem Geschoss, das für zeitgenössische Kunst reserviert ist, im mittleren Bereich.

Am Eingang dieses Stockwerks gibt es Stände von Galerien wie Greve, Zwirner oder Gagosian, die gut doppelt so groß sind und die harten Währungen der Kunstgeschichte dabei haben: den hyperrealistischen Fensterputzer von Duane Hanson, Werke von Alberto Giacometti oder in Skulptur gepressten Autoschrott von John Chamberlain.

Irgendwann war klar, dass es mit der bundesrepublikanischen Saturiertheit vorbei sein würde

Doch mit einer Arbeit wie "The Fisheries" geht man auf der Art Cologne nicht unter, zum einen weil sie attraktiv ist und gleichzeitig zimmertauglich. Zum anderen weil sie die Dimensionen eines so bedeutenden Werks wie das des Künstlers Mark Dion herunterbricht auf die Dimensionen der Kunstmesse. Und die wurde ja vor einem halben Jahrhundert in Köln erfunden, wo man anfangs noch heftig darüber stritt, ob man Kunst genauso verkaufen könne wie Autos oder Möbel.

Im Rheinland hat man also viel Erfahrung mit dem Kunsthandel. Diesen Standortvorteil spielt die Art Cologne in diesem Jahr aus. Vor wenigen Tagen wurde die Website "Audioarchiv Kunst" freigeschaltet. Man kann jetzt auf Soundcloud die Statements von Kuratoren, Verlegern oder eben Galeristen wie Rudolf Zwirner hören, der sich noch einmal lebendig an alle Vorbehalte erinnert, sich aber ganz sicher ist, dass es die Messe war, die den Status der Stadt als Kunstmetropole sicherte und dafür sorgte, dass Galeristen ihren Sitz aus ganz Deutschland an den Rhein verlegten.

Das alles ist ebenso Geschichte wie die komplizierten Neunzigerjahre, als die Rolle der Kunstregion Rheinland vom Mauerfall und der Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin infrage gestellt wurde.

Eine Ausstellung in den Messehallen, "The Köln Show", lässt noch einmal die Zeiten wach werden, als der breit am Rhein lagernde Kunstmarkt von einer jungen Generation von Galeristen aufgemischt wurde, die wussten, dass es mit dieser ausgesprochen westlich ausgerichteten, bundesrepublikanischen Saturiertheit irgendwie vorbei sein würde.

Die Zeitreise dieser Ausstellung wirkt wie eine große Kulisse: Auf Fototapeten sieht man Isabelle Graw, die 1990 das Magazin Texte zur Kunst gründete, in einem Gewand von Rosemarie Trockel und auf Lebensgröße. Gegenüber begegnet man auf postergroßen Fotografien von Caroline Nathusius den Akteuren einer Zeit "in harter Kneipenarbeit erwirtschafteter künstlerischer Selbstreflexivität".

Der Generationenbruch wurde hart verhandelt, ein Christian Nagel empfand damals seinen Ausschluss aus der Art Cologne als Auszeichnung und gründete die Unfair, eine Gegenmesse der Art Cologne, die aber schon bald wieder integriert wurde in die Messehallen, gerade rechtzeitig vor den ersten Abwanderungen nach Berlin.

Konkurrenz? "Es ist Platz für uns alle", sagt der Kölner Messechef

Auch Nagel ging in die Hauptstadt, wie alle anderen bedeutenden Kölner Galerien, die dort mindestens Dependancen unterhalten. Und die ganze Geschichte der Konkurrenz zwischen Köln und Berlin - auch sie scheint aus der Perspektive der diesjährigen Ausgabe längst Kunsthistorie und irgendwie gut ausgegangen.

Köln und Berlin sind nur noch zwei Locations in einem brummenden deutschen Kunstmarkt, der so attraktiv ist, dass die Messe auf drei Etagen mehr als 200 Galerien versammelt. Viele der jungen Galerien, die sich in der Sektion "Neumarkt" eingerichtet haben, stellten erstaunt fest, dass nicht nur Sammler aus Deutschland gekommen waren, sondern auch Messe-Hopper aus Belgien und Frankreich und Museums-Trustees aus den USA.

Inzwischen hat die Kölner Messe die Berliner Kunstmesse abc erworben, einst eine Gründung dissidenter Kölner an der Spree. Daniel Hug, der Leiter der Art Cologne, verlegt die ehemalige Konkurrenz in eine ferne Vergangenheit: "Wir werden unser Profil weiter entwickeln", sagt er, "es ist Platz für uns alle.

Art Cologne. Bis einschließlich Sonntag.