Süddeutsche Zeitung

"Frausein" von Mely Kiyak:Kein bisschen Bedauern

Mely Kiyak schreibt darüber, was es heißt, als Frau in Deutschland zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen. Und hält fest, dass Glück bedeuten kann, zufrieden mit sich selbst zu sein - und mit niemandem sonst.

Von Carolin Gasteiger

Zugegeben, der Titel könnte in die Irre führen. "Frausein", wie Mely Kiyak ihr neues Buch überschrieben hat, klingt zunächst einmal ganz weich. Nach einem VHS-Kurs über Achtsamkeit, in sich hineinhören, in den Bauch atmen. Aber es könnte auch nach Appell klingen, nach einem Aufwachen, Aufbegehren, nach Emanzipation, nach feministischer Kampfschrift. Nach: endlich Frau sein! Am Ende ist es beides und wiederum nichts davon - und beides große Kunst.

Allein der erste Satz widerspricht allem Weichen und allem Aufbegehren: "Eines Morgens wachte ich auf und sah die Welt verschwinden." Das ist wörtlich gemeint und bezieht sich auf die Autorin. Mely Kiyaks Augenlicht wurde tatsächlich über Monate und Jahre schlechter, und allein diese Krankheit mit all ihren großen und kleinen Auswirkungen, dass sie deswegen ständig vom Fahrrad fiel etwa, würde genug Stoff für ein Buch liefern. Aber Kiyak geht es um etwas anderes: "Ich bin eine Frau. Ich bin es gerne. Da ist kein Hadern. Kein Bedauern. Kein Mangel. Aber auch kein Überfluss. Davon möchte ich erzählen."

Mely Kiyak, 1976 geboren, schildert auf den knapp 130 Seiten einzelne Episoden ihres Aufwachsens als Tochter eines kurdischen Einwanderers in Deutschland. Oft sind es kleine, liebevolle Erinnerungen - wie ihre Mutter, die im Amtsgericht putzte, stets aus purer Höflichkeit die Frühstücksbrötchen des Amtsrichters mit nach Hause nahm. Aus Respekt, wie sich Kiyak an die Worte ihrer Mutter erinnert. Wie ihre Cousine in einem türkischen Bergdorf erste intime Erfahrungen sammelt und Kiyak Wache schieben muss, dafür aber hinterher alles en détail geschildert bekommt (unter anderem ist von einer umgestülpten Feige die Rede). Oder wie ihre Mutter Kiyak einen Stift schenkt, der im Rücken eines Porzellanschwans steckt.

All diese scheinbar zufällig aneinandergereihten Episoden schildert die Theodor-Wolff-Preisträgerin, bekannt auch für ihre Kolumne "Kiyaks Deutschstunde" auf Zeit Online, lakonisch, an vielen Stellen komisch, jedenfalls ohne Wertung und im Rückblick versöhnlich. Und wie sie die unpassenden Worte ihres Sportlehrers, der sie beim Lesen eines Aufklärungsbuches bemerkt, nicht viel aufgeregter schildert als den Porzellanschwan-Stift, wirkt es umso eindrücklicher. Unvermittelt trifft den Leser vor allem, wenn Kiyak schildert, wie sie in einer Telefonzelle gerade noch mit ihrem Vater am Apparat spricht und dann von einem Fremden zusammengeschlagen wird. Ihr Anderssein spart Kiyak in "Frausein" nicht aus, im Gegenteil. Aber es wird so selbstverständlich und ohne Verbitterung neben all die anderen Anekdoten gestellt, dass ihre Botschaft umso stärkere Wucht entfaltet.

Das Buch ist keine Kampfschrift, keine Abrechnung, vielmehr ein vielschichtiges Bekenntnis

Und an diesen Stellen, an denen sie scharf analysiert, wie Deutschland zu Menschen mit Migrationshintergrund, zu Menschen wie ihr selbst steht, wird sie dann doch politisch. "Wir waren in jeder Hinsicht Draußenstehende. In der neuen Heimat und in der alten Heimat. Durch Herkunft, Sprache und auch Religion", schreibt Kiyak. Und ihr wird bald klar, dass sie dieses Draußenstehen überwinden soll, sie soll es besser haben als ihre Eltern - bloß nicht Putzfrau werden, erinnert sie sich immer wieder. Aber auch keine Prospekt-Frau, wie sie in Möbelkatalogen abgebildet sind.

Sie hat vielmehr nur ein Ziel: zu schreiben. Und das begreift Mely Kiyak durchaus als allumfänglichen Lebensentwurf: "Ich wollte keine Frau sein, die Kinder hat und schreibt. Keine, die eine Ehe führt und schreibt. Keine, die eine andere Tätigkeit ausführt und auch schreibt. Ich wollte nicht von allem etwas, sondern von dieser einen Sache alles. Wenn mich jemand fragt, was machst du, wollte ich antworten: Ich schreibe."

In ihrem Anderssein qua Herkunft und obwohl ihre Familie, vor allem die weibliche Seite, ihr immer wieder einbläut, bloß nicht aufzufallen, entdeckt Mely Kiyak ein weiteres Anderssein. Ob türkische Herkunft oder nicht, sie will allein leben, ohne Ehemann, ohne Kinder. Denn am zufriedensten sei sie "mit mir. Einfach nur mit mir."

"Frausein" will kein Appell sein, keine Kampfschrift, keine Abrechnung. Vielmehr ist es eine Art autobiografische Prosa, eine Mischung aus Erinnerungen, Analysen, die Kiyaks Augenkrankheit, ihr Aufwachsen zwischen den Kulturen, aber auch das eigene Frauwerden, ganz persönliche Aspekte geschickt in den gesellschaftlichen Kontext einbettet - und dadurch auch etwas übers Frausein in Deutschland verrät. Ein vielschichtiges, glänzend geschriebenes Bekenntnis, das außerdem zeigt, dass einen die eigene Herkunft eben nur zum Teil ausmacht und man sie manchmal auch loslassen muss. Kiyaks Vater, dessen Liebe über allem steht, schärfte seinen Kindern ein: "Du kannst werden, was du willst."

Mely Kiyak: Frausein. Hanser Verlag, München 2020. 127 Seiten, 18 Euro.

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SZ vom 11.09.2020/tmh
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