NachrufFolter, Tod und Kunst

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Melvin Edwards, 1937-2026.
Melvin Edwards, 1937-2026. Imago/Peter Hartenfeser

Der Bildhauer Melvin Edwards, der das Leiden amerikanischer Schwarzer effektiv in sehr weiße Galerieräume brachte, ist gestorben.

Von Peter Richter

Lynchen, die mörderische Selbstjustiz durch eine amerikanische Bürgerwehr oder einen wilden Mob, mit besonders hohen Fallzahlen zwischen den 1880er- und den 1940er-Jahren, mit bei Weitem mehr schwarzen Opfern als weißen: Manchmal stieß man in den vornehmen Galerien von Kunstausstellungen ganz unerwartet auf das brutale Thema.

Nicht dass da die bekannten Bilder gehangen hätten, am Baum erhängte Schwarze, johlendes weißes Publikum. Es war subtiler: Metallskulpturen, die auf den ersten Blick nach klassisch abstrakter Kunst aussahen und erst auf den zweiten wie die zusammengeschweißten Reste von Folterinstrumenten. Dann las man den Titel: „Lynch Fragments“. Name des Künstlers: Melvin Edwards.

Man konnte den Namen gelegentlich auch an deutschen Galerie- und Ausstellungswänden lesen, etwa im Winter vor einem Jahr in Kassel, wo sie Edwards breites Werk einmal in einer Einzelausstellung zeigten. Ihr Titel „One Bright Morning“ klang idyllisch – und stammte aus einer Todesdrohung an eine schwarze Südstaaten-Familie. Diese große, späte Retrospektive wanderte dann durch Europa, wo man dem 1937 in Texas geborenen Bildhauer zuvor bestenfalls in Gruppenausstellungen begegnen konnte. Zuletzt zeigte dann im Herbst das Palais de Tokyo in Paris die große Schau voller großer Konstruktionen, die an landwirtschaftliche Geräte denken ließen – und an Vorrichtungen, Menschen an der Flucht zu hindern.

Edwards wollte nicht einsehen, warum er als Schwarzer nicht auf dem Gebiet der Abstraktion arbeiten sollte

Noch effektiver war dieser Melvin-Edwards-Effekt gleichzeitig aber in der großen Minimalismus-Ausstellung der Collection Pinault: Zwischen all den lakonisch reinen Form-Kunststücken der weißen Minimal-Art-Elite aus Europa und den USA hing da ein stählerner Vorhang von Edwards, zart wie ein fragiles Gewebe, aber doch aus Stacheldraht und Ketten, zwei schwarzen Künstlerfreunden gewidmet. Die Ketten standen für Sklaverei und ihre Folgen. Aber eben nicht nur. Wenn man mit dem Auto stecken bleibt, so zitierte ihn die New York Times, freue man sich, wenn der Abschleppdienst welche dabeihat.

Edwards wollte nicht einsehen, warum er als schwarzer Künstler nicht auf dem in den USA als traditionell eher weiß geltenden Gebiet der Abstraktion arbeiten sollte. Er bereiste intensiv afrikanische Länder, auch um die Kunst von dort zu studieren. Am Ende wurde er dadurch zu einem einflussreichen Vorbild für Jüngere. Jetzt ist Melvin Edwards im Alter von 88 Jahren in Baltimore gestorben.

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