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"Melancholie des Reisens":Unterwegs zu Kalendersprüchen

Reisen ist für Michael Roes ein wesentlicher Teil seines Lebens und Schreibens. Aber was erlebt er?

Von Tobias Lehmkuhl

Man beneidet Michael Roes um die Freiheit und den Mut, derartige Reisen zu unternehmen, nach Mali, Afghanistan, Jemen, um die Wochen und Monate in Marokko, Jordanien und Tunesien. Reisen ist für Roes seit Jahrzehnten wichtiger Teil seines Lebens, vor allem aber Teil seines Schreibens. Zahlreiche seiner Romane gehen auf Aufenthalte in Nordafrika und Asien zurück, am bekanntesten vielleicht jener, der die ferne Fremde schon im Titel trägt: "Leeres Viertel. Rub' Al-Khali".

Von einem Aufenthalt auf der arabischen Halbinsel berichtet Michael Roes nun auch in "Melancholie des Reisens", einer Sammlung von Reiseberichten, die zumeist auf Tagebuchaufzeichnungen zurückgehen, häufig quergeschnitten mit Berichten früherer Reisender wie etwa Hermann Barth oder Paul Bowles. Im jemenitischen Aden wird Roes literarisch von Arthur Rimbaud begleitet, der hier nach seiner Abkehr von der Poesie als Waffenhändler und früher Ethnograf arbeitete. Wie weit sich Rimbaud von seinem früheren Ich entfernt hat und ein anderer geworden ist, zeigt nicht zuletzt der ursprünglich französische, lautlich aber anglisierte Name des Hotels "Rambow". In der Tat nicht unpassend für einen Waffenhändler.

Anlass der in "Melancholie des Reisens" beschriebenen Aufenthalte sind in der Regel Filmprojekte und Regieaufträge. In Tanger etwa will Roes mit Studenten Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" auf die Bühne bringen, in Kabul Nigel Williams' "Class Enemy". Die Reise brauche einen Vorwand, schreibt Roes, aber sie habe kein Ziel: "Der ziellos Reisende gewinnt die Welt nicht, er verliert sich in ihr, wird von ihr umarmt, erstickt, verschlungen. Er reist rückhaltlos, wirft sein ganzes Dasein in die Reise, geht sich selbst verloren."

"Je tiefer wir uns kennen, desto weniger verstehen wir uns"

Große Worte, die das Reisen geradezu zur Religion erheben. Sie widersprechen allerdings den konkreten Erfahrungen, die Roes dem Leser vermittelt: Dass Reisen heute nicht mehr das Abenteuer ist, das es früher einmal war, dass in Zeiten des Internets "der Niedergang des Schreibens und Lesens" auch einer des Reisens sei.

Und Roes fügt seinem allgegenwärtigen Kulturpessimismus noch einen Kalenderspruch hinzu: "Der wahre Reisende ist ein Lesender". Überhaupt neigt Roes zu Sentenzen à la "Jede Reise hat ihre Freuden und Wunden", zu esoterisch angehauchten Weisheiten - "Je tiefer wir uns kennen, desto weniger verstehen wir uns" - und zu Bescheidwissereien in akademischem Slang.

Da ist die Rede von der "Komplexität interkultureller Kommunikation", davon, dass "Geschichte immer eine Geschichte der Hybridität" gewesen sei, und selbst wenn Roes über kulturelle Stereotype schreibt, tut er dies auf stereotype Weise: "Andererseits helfen uns Stereotype natürlich unsere Welt zu ordnen". Uff.

Man wünschte sich, der Autor hätte sich einen seiner Sätze zu Herzen genommen, da behauptet er nämlich, er suche nicht allgemeine Betrachtungen, sondern die alltäglichen Einzelheiten, die "Farben, Gerüche, Vorkommnisse, die sich nicht erfinden lassen."

Von Farben und Gerüchen aber ist in "Melancholie des Reisens" kaum je die Rede, und überlegt man, welches Vorkommnis einem nach der Lektüre der über fünfhundert Seiten im Gedächtnis geblieben ist, fällt einem nur eines ein, und das ist hoffentlich erfunden: Roes und sein Fahrer rasen mit dem Auto durch die dunkle malische Nacht und rammen irgendwo zwischen Bamako und Timbuktu eine Frau mit ihrem Esel. Der Esel brüllt mit aufgeschlitztem Bauch und die Frau, noch lebendig, liegt da und blutet aus Mund und Ohren. Der Fahrer aber meint, ihr sei nicht mehr zu helfen, und so lässt er sie allein im Nirgendwo liegen und rast mit Roes an seiner Seite weiter.

Da klingt es fast höhnisch, wenn Roes an anderer Stelle in weihevollem Ton schreibt, es seien "immer und ausschließlich die Erfahrungen mit Menschen, die mich zur Wiederkehr veranlasst haben". Nur leider kommt er keinem dieser Menschen nahe, zumindest gelingt es ihm in seinem völlig humorfreien Stil nicht, eine solche Nähe zu vermitteln.

Aden, Rabat, Kabul: Roes hätte ebenso gut nach Kiel und Wanne-Eickel reisen können. Am Ende hätten diese Orte zu der Tristesse seiner Aufzeichnungen besser gepasst.

© SZ vom 06.08.2020

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