Meinungsfreiheit Türkischer Richter lässt Gollums Charakter prüfen

Der türkische Präsident und das Fabelwesen - nicht nur äußerliche Gemeinsamkeiten?

(Foto: AP)

In der Türkei steht ein Mann vor Gericht, weil er Erdoğan mit Gollum verglich. Eine Kommission soll nun entscheiden, ob das überhaupt eine Beleidigung ist.

Von Julia Ley

Es gehört zu den unschönen Seiten der Macht, dass sie einen häufig zum Zielobjekt kritischer Satire werden lässt. Der türkische Präsident Erdoğan dürfte das nur zu gut wissen. Immer wieder muss er sich mit Untertanen, pardon: Bürgern, herumärgern, die nicht verstehen wollen, dass das türkische Gesetz der Satire klare Grenzen vorgibt.

So war es auch im Fall Bilgin Çiftçi. Der Arzt aus Aydın an der türkischen Ägäis-Küste hat ein Meme verbreitet, das Erdoğans Mimik mit der traurigen Gestalt Gollum aus Tolkiens "Herr der Ringe" vergleicht.

Eine gewisse Ähnlichkeit ist in der Tat unverkennbar:

Hätte Çiftçi nur einen Moment innegehalten, um zu googeln, bevor er auf "Publish" drückte. Er hätte herausfinden können, dass allein zwischen August 2014, als Erdoğan das Amt des Präsidenten antrat, und März 2015 in 236 Fällen wegen Präsidentenbeleidigung ermittelt worden ist. Artikel 299 des türkischen Strafgesetzbuches sieht dafür bis zu vier Jahre Haft vor. Allerdings stammt besagter Paragraph aus den 20er Jahren und fand vor Erdoğans Amtsantritt nur selten Anwendung.

Aber nein, der Doktor veröffentlichte - und löste damit einen Trend aus. Auf Twitter finden sich zahlreiche Nachahmer:

Çiftçi, dem nun zwei Jahre Haft drohen, wies den Vorwurf der Beleidigung übrigens weit von sich. Vor Gericht sagt er aus, der Vergleich mit Gollum könne gar keine Beleidigung sein - schließlich verfüge das Tolkiensche Fabelwesen über einen ausgezeichneten Charakter.

Der Richter, wohl verunsichert, musste eingestehen, dass er sich der komplexen Frage der Bewertung von Gollums Charakter nicht gewachsen fühlte - er hatte die "Herr der Ringe"-Filme nur "teilweise" gesehen. Nun sollen nicht weniger als fünf Experten - darunter zwei Verhaltenspsychologen und ein "Film- und Fernsehkenner" die Frage klären, ob Gollum gut oder böse ist. Bis Februar haben sie dafür Zeit.

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Jeder Kenner des Tolkienschen Werkes wird sich spätestens jetzt an den Kopf fassen. Tolkien wäre nicht Tolkien, würde er seine Charaktere so eindimensional zeichnen. Auch der verschlagene Gollum war nicht immer schlecht. Es gab eine Zeit, in der Gollum noch als Sméagol unter den Hobbits von Mittelerde lebte. Aber dann stahl er den einen Ring, der seinem Besitzer übernatürliche Kräfte verleiht, und dieser machte aus dem Hobbit eine bösartige, missgünstige Kreatur. Plötzlich sah sich Gollum umringt von Feinden, die ihm seinen "Schatz" streitig machen wollen. Die Frage nach Gollums Charakter dürfte sich deshalb kaum eindeutig entscheiden lassen.

In jedem Fall aber ist "Der Herr der Ringe" - und die Geschichte Gollums - ein Lehrstück über die korrumpierende Natur der Macht. Auch von Erdoğan sagen viele, er habe als Reformer und echter Demokrat begonnen. Das Festhalten und der stete Zugewinn an Macht aber habe ihn allmählich den Maßstab verlieren lassen. Bis hin zu dem Punkt, an dem er selbst einen Bürgerkrieg nicht scheut, nur um die Macht nicht teilen zu müssen.

Deshalb, und nicht wegen ihrer äußerlichen Gemeinsamkeiten, ist der Vergleich zwischen Erdoğan und Gollum so treffend - und wohl auch so gefährlich.