Süddeutsche Zeitung

Meinung im Netz:Soziale Medien: Jeder schnitzt sich sein Weltbild zurecht

Fakten, die nicht passen, werden passend gemacht. Nie war Information so leicht verfügbar wie heute, und nie war sie so wertlos. Über den fatalen Kreislauf zwischen Meinung und Wirklichkeit.

Von Gustav Seibt

Neuerdings gibt es in den sozialen Medien einen verbreiteten Typus des journalistischen Postings, das auf einzelne Fakten hinweist, mit der Absicht, bestimmte Meinungen zu belegen. Jeder, der auf Facebook und Twitter unterwegs ist, kennt es: Da gibt es beispielsweise Kollegen, die sich zu News-Aggregatoren für Übergriffe von Flüchtlingen machen und mit einem lustig gemeinten Hashtag (#wirschaffendas) gleich das fabula docet mitliefern.

Wer darauf achtet, sich in einer nicht allzu homogenen Filterblase aufzuhalten, sieht selbstverständlich auch die konkurrierenden Meldungsaggregate der anderen Seite: Dort werden feinsäuberlich Angriffe auf Flüchtlingsheime und Fremde gesammelt, und auch hier springen mehr oder weniger deutliche Ver- allgemeinerungen heraus, zwischen#Rassismus tötet oder #Sachsen mal wieder #Nazi-Land.

Und erleben wir inzwischen nicht nach jedem Gewaltverbrechen den gespannten Moment des Innehaltens, in dem begierig darauf gewartet wird, welchem erklärenden Hashtag die Untat zuzuordnen ist? Derzeit liegen drei konkurrierende Hauptmöglichkeiten bereit: Islamismus, Rechtsradikalismus, psychische Abnormität.

Genauere Unterscheidungen lassen viele Unterstellungen fragwürdig erscheinen

Wer mit seiner Deutung zu schnell schießt, riskiert die Blamage wie der sächsische CDU-Politiker Maximilian Krah, der beim Münchner Amoklauf die Lehre sofort wusste: "Die Willkommenskultur ist tödlich" - und der seinen Tweet dann auch sehr rasch wieder löschte. Auch beim Massaker, das Anders Breivik am 22. Juli 2011 beging, kursierte eine kurze Schrecksekunde lang schon die islamistische Deutung, bevor klar wurde, dass es sich um ein rechtsradikales Verbrechen handelte.

Diese tristen Beispiele werfen ein Licht auf die Dialektik von Meinungen und Tatsachen, von Lügen und Faktenchecks, die seit einigen Jahren die öffentlichen Debatten der demokratischen Gesellschaften vergiftet und die auch den diffus verbreiteten Verdacht gegen die "Lügenpresse" trägt (SZ vom 2. August).

Bleiben wir bei den Fakten. Diese beweisen, auch wenn sie im Einzelnen unbezweifelbar zutreffend sind, für sich wenig. Verbrechen einzelner Täter und Tätergruppen gewinnen nur im Rahmen einer allgemeinen Kriminalitätsstatistik Aussagekraft. Auch lassen genauere Unterscheidungen viele Unterstellungen fragwürdig erscheinen: Es ist für die Beurteilung eben nicht gleichgültig, ob frauenfeindliche Übergriffe von Flüchtlingen oder schon länger ortsansässigen Migranten begangen werden, von Afghanen oder Syrern, und was der Unterscheidungen mehr sind.

Ist der Terrorismus importiert oder hausgemacht? An solchen Fragen hängt viel. Einerseits sollte auch der entschlossenste Befürworter der Willkommenskultur den Kritikern von Merkels "Wir schaffen das" nicht von vornherein eine rechtsradikale Haltung unterstellen.

Kurzum, wer isolierte Fakten heraussucht und verbreitet, der verbreitet nicht einfach nur Fakten, sondern Meinungen und Emotionen, selbst wenn es sich um viele und gesicherte Fakten handelt. Daran ändert auch die Überlegung nichts, dass es unter den Bedingungen einer unfreien, gelenkten oder einseitigen Presse sinnvoll sein kann, krudes Tatsachenmaterial erst einmal zu sichern, zusammenzutragen und zu dokumentieren, als Grundlage für umfassendere Analysen.

Sinnloser Stellungskrieg um Tatsachen

Die Austauschbarkeit von Fakten und Meinungen aber könnte der wahre Grund dafür sein, warum die verbreiteten "Faktenchecks" immer weniger verfangen. Im Grunde weiß das Publikum, dass isolierte Tatsachen nichts beweisen, selbst wenn sie wahr sind. Und wenn sie nicht wahr sind, gibt es andere, die an die Stelle der widerlegten Fakten treten können. So wird aus dem Streit um Tatsachen ein sinnloser Stellungskrieg.

Die argumentative Belanglosigkeit von isolierten Fakten spiegelt sich in der umgekehrten Tendenz, Meinungen zu Tatsachen zu erklären. Wenn ein Faktencheck nicht ins eigene Meinungsbild passt, wird eben dieser selbst bezweifelt und am Ende zu einem Produkt der "Lügenpresse" erklärt. Dieses Wort ist längst zum Begriff eines universalen Zweifels geworden, der sich gegen Tatsachen überhaupt abdichtet, weil er in alle Richtungen gedreht werden kann. Zahlen gelten hier besonders wenig, getreu dem Motto: Ich glaube nur der Statistik, die ich selber gefälscht habe. Am ehesten überzeugt noch der Video-Beweis, beispielsweise wenn jemand behauptet, er habe etwas nicht gesagt, und das Video, das diese Aussage widerlegt, taucht dann doch auf.

Meinungen haben die Tendenz zu Glaubensbekenntnissen zu werden, sagt Adorno

Das wechselseitige Bombardement mit Fakten, Gegenfakten und Faktenchecks verrät nicht nur einen fragwürdigen Wirklichkeitsbegriff, es ist vor allem ein Symptom für großes Misstrauen. Dazu kommen die technischen Möglichkeiten durch die neuen elektronischen Medien, in denen jeder sich seine weltanschauliche Umgebung passgenau auf den eigenen Meinungsleib schneidern kann. Wer Russia Today den öffentlich-rechtlichen "Mainstream-Medien" vorzieht, bezieht nicht bloß "andere Informationen", er hat oft ein anderes Weltbild.

Vor über fünfzig Jahren, lange vor den neuen Medien, hat der Philosoph Theodor W. Adorno diese fatalen Kreisläufe zwischen Meinungen und Wirklichkeiten in einem klassischen Essay mit dem sprechenden Titel "Meinung Wahn Gesellschaft" visionär analysiert. Ohne Meinungsfreiheit kommt die bürgerliche Gesellschaft nicht aus, daran hält Adorno fest. Aber Meinungen haben eben auch die Tendenz, zu Glaubensbekenntnissen, ja Wahnsystemen zu werden. Umgekehrt deckt die Meinungsfreiheit selbstverständlich auch die Möglichkeit, triftige Argumente, die einem nicht passen, als bloße "Ansichtssachen" zu entwerten.

Für Adorno bot nicht einmal der regelgetreue, formallogische Gebrauch der Vernunft einen sicheren Ausweg. Denn "Wahrheit" sei ohne das Moment subjektiver Erfahrung nicht möglich. Und der "common sense" einer herrschenden Meinung spiegele allzu oft nur die partikularen Interessen der Herrschenden wider. Was heute die primitive Allzweckwaffe des "Lügenpresse"-Vorwurfs ist, war zu damaligen, philosophisch anspruchsvolleren Zeiten der verallgemeinerte Ideologieverdacht, der sich gegen alle Formen öffentlicher Debatte richtete. Ihm misstraute Adorno allerdings nicht weniger als dem Realitätsprinzip der bürgerlichen herrschenden Meinung. Denn wer alles bezweifelt, landet rasch bei Verschwörungstheorien und, ganz wörtlich, in Wahnsystemen. Öffentliche Ideologie und privater Wahn waren für Adorno nur Symptome einer übergreifenden Pathologie.

In geschlossenen Wahnwelten sind "Fakten" austauschbar

Für das Weiterleben überständiger Ideologien nahm sein Essay den alltäglichen Nationalismus als Beispiel, den Adorno um 1960 immer noch angewidert in den Feierritualen bei Fußball-Länderspielen beobachtete, für den privaten Wahn das unausrottbare Grassieren der Astrologie in populären Zeitschriften. Beides gibt es bis heute, allerdings mag sich niemand mehr so richtig darüber aufregen. Heute virulent sind unausgegorene Theorien über "den" Islam, zum angeblich politisch gewollten "Austausch" des deutschen Volkes oder aber islamistische Verschwörungstheorien zur Weltmacht des Judentums, um nur ein paar eklatante Beispiele zu nennen.

Was Adorno noch als subjektphilosophische Pathologien durchdeklinierte, wird unter den heutigen kommunikativen Bedingungen zu statistisch messbaren sozialen Tatsachen. Meinungen können sich als Filterblasen mit abgezirkelten Kommunikationskreisen, durchgezählten "Likes", viralen Erdrutschen in elektronischen Massenbewegungen organisieren. In diesen geschlossenen Wahnwelten sind "Fakten" nur das austauschbare Kleingeld der Verständigung. Wenn die eine Münze nicht passt, nimmt man eben eine andere.

Das ist der Kontext, in dem immer ungenierter weitergelogen werden kann. Nie war Information so leicht verfügbar wie heute, und nie war sie so wertlos. Der zunächst nicht für möglich gehaltene Aufstieg von Donald Trump, der Erfolg der Brexit-Kampagne nicht trotz, sondern wegen ihrer offensichtlichen Verlogenheit sind ein Menetekel. Daran haben wir Bürger der digitalen Welt alle unseren Anteil. Sich wechselseitig mit Wirklichkeitsschnipseln zu beharken bleibt müßig, solange die Übersicht fehlt. Jeder, der sich Tag für Tag aufregt und dann Dinge ins Netz stellt, könnte sich nach einiger Zeit selbst prüfen, indem er seine Timeline noch einmal durchsieht. Früher konnte einem Nachlesen alter Tagebücher peinlich sein. Aber die lagen ja in der Schublade. Heute sind die Tagebücher öffentlich und künden von unseren überflüssigen Aufgeregtheiten.

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Quelle:
SZ vom 13.08.2016/doer
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