bedeckt München 29°

Meinung im Netz:Soziale Medien: Jeder schnitzt sich sein Weltbild zurecht

Nach jedem Gewaltverbrechen die Frage: Welchem erklärenden Hashtag ist die Untat zuzuordnen?

(Foto: AP)

Fakten, die nicht passen, werden passend gemacht. Nie war Information so leicht verfügbar wie heute, und nie war sie so wertlos. Über den fatalen Kreislauf zwischen Meinung und Wirklichkeit.

Von Gustav Seibt

Neuerdings gibt es in den sozialen Medien einen verbreiteten Typus des journalistischen Postings, das auf einzelne Fakten hinweist, mit der Absicht, bestimmte Meinungen zu belegen. Jeder, der auf Facebook und Twitter unterwegs ist, kennt es: Da gibt es beispielsweise Kollegen, die sich zu News-Aggregatoren für Übergriffe von Flüchtlingen machen und mit einem lustig gemeinten Hashtag (#wirschaffendas) gleich das fabula docet mitliefern.

Wer darauf achtet, sich in einer nicht allzu homogenen Filterblase aufzuhalten, sieht selbstverständlich auch die konkurrierenden Meldungsaggregate der anderen Seite: Dort werden feinsäuberlich Angriffe auf Flüchtlingsheime und Fremde gesammelt, und auch hier springen mehr oder weniger deutliche Ver- allgemeinerungen heraus, zwischen#Rassismus tötet oder #Sachsen mal wieder #Nazi-Land.

Und erleben wir inzwischen nicht nach jedem Gewaltverbrechen den gespannten Moment des Innehaltens, in dem begierig darauf gewartet wird, welchem erklärenden Hashtag die Untat zuzuordnen ist? Derzeit liegen drei konkurrierende Hauptmöglichkeiten bereit: Islamismus, Rechtsradikalismus, psychische Abnormität.

Genauere Unterscheidungen lassen viele Unterstellungen fragwürdig erscheinen

Wer mit seiner Deutung zu schnell schießt, riskiert die Blamage wie der sächsische CDU-Politiker Maximilian Krah, der beim Münchner Amoklauf die Lehre sofort wusste: "Die Willkommenskultur ist tödlich" - und der seinen Tweet dann auch sehr rasch wieder löschte. Auch beim Massaker, das Anders Breivik am 22. Juli 2011 beging, kursierte eine kurze Schrecksekunde lang schon die islamistische Deutung, bevor klar wurde, dass es sich um ein rechtsradikales Verbrechen handelte.

Diese tristen Beispiele werfen ein Licht auf die Dialektik von Meinungen und Tatsachen, von Lügen und Faktenchecks, die seit einigen Jahren die öffentlichen Debatten der demokratischen Gesellschaften vergiftet und die auch den diffus verbreiteten Verdacht gegen die "Lügenpresse" trägt (SZ vom 2. August).

Bleiben wir bei den Fakten. Diese beweisen, auch wenn sie im Einzelnen unbezweifelbar zutreffend sind, für sich wenig. Verbrechen einzelner Täter und Tätergruppen gewinnen nur im Rahmen einer allgemeinen Kriminalitätsstatistik Aussagekraft. Auch lassen genauere Unterscheidungen viele Unterstellungen fragwürdig erscheinen: Es ist für die Beurteilung eben nicht gleichgültig, ob frauenfeindliche Übergriffe von Flüchtlingen oder schon länger ortsansässigen Migranten begangen werden, von Afghanen oder Syrern, und was der Unterscheidungen mehr sind.

Ist der Terrorismus importiert oder hausgemacht? An solchen Fragen hängt viel. Einerseits sollte auch der entschlossenste Befürworter der Willkommenskultur den Kritikern von Merkels "Wir schaffen das" nicht von vornherein eine rechtsradikale Haltung unterstellen.

Kurzum, wer isolierte Fakten heraussucht und verbreitet, der verbreitet nicht einfach nur Fakten, sondern Meinungen und Emotionen, selbst wenn es sich um viele und gesicherte Fakten handelt. Daran ändert auch die Überlegung nichts, dass es unter den Bedingungen einer unfreien, gelenkten oder einseitigen Presse sinnvoll sein kann, krudes Tatsachenmaterial erst einmal zu sichern, zusammenzutragen und zu dokumentieren, als Grundlage für umfassendere Analysen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB