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Meinung im Internet:Traurig und einsam

Der Troll hatte schneller als ich verstanden, dass publizistische Macht nicht mehr durch eine Familie von Eigentümern oder durch eine Konzernführung verliehen wurde. Heute nimmt man sich publizistische Macht. Ich fühlte mich wie ein Kammerjäger.

Ich hatte ernsthaft vor, die Seite auszuräuchern und mein Haus wieder herzurichten, sauber und ordentlich. Ich schloss Debatten und zwang anonyme Autoren, sich erkennen zu geben. Einige warf ich einfach hinaus. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Meine Mailbox wurde mit wütenden und oft anonymen Nachrichten überschwemmt. Einige Benutzer, viel mehr, als ich erwartet hatte, wandten sich an mich, ohne ihre Identität zu verbergen, und warfen mir "Zensur" vor.

Ich versuchte, mein Verhalten zu erklären, in Foren, Mails und Blogeinträgen: kein Rassismus und kein Frauenhass auf der Seite, deren Redakteur ich bin, nein, danke. Doch die Hoffnung, dass der Kampf gegen den Troll so leicht zu gewinnen wäre, erwies sich als Irrtum. Der Troll reagierte nicht, indem er aufhörte, auf der Seite zu schreiben. Er forderte mich auch nicht auf, meine Sachen zu packen und zu verschwinden. Nein, viel schlimmer: Er fing an, mit mir zu diskutieren. Und er hörte nicht mehr auf.

Es wurden viele Abende, die ich mit E-Mail-Wechseln verbrachte oder mit Telefongesprächen, in denen der Troll verlangte, das ich genau angab, wo denn die Grenzen zwischen Integrationskritik und Rassismus, Antisemitismus und Israelkritik, Frauenhass und Gender-Forschung verlaufe. In den meisten Fällen wurde ich gezwungen zuzugeben, dass die Ansichten des Trolls tatsächlich veröffentlichbar waren.

Es war nun nach Mitternacht. Es gibt eine Grenze, versuchte ich zu erklären, wie viele politisch unkorrekte Texte man als Redakteur unterbringen kann. Der Troll, der sich für mich nun in eine Autorin verwandelt hatte, bat um Entschuldigung für ihre undeutliche Aussprache. Sie habe ein Glas Wein getrunken. Dann sagte sie, dass es aber offenbar keine Grenze dafür gebe, wie viele korrekte und nichtssagende Kommentare ich auf der Seite veröffentlichen könne.

Zu meiner Verteidigung konnte ich nicht mehr viel anführen. Auch ich trank ein Glas Wein. Als wir auflegten, war ich äußerst unsicher, ob sie oder ich im Recht war. Doch als ich am nächsten Morgen aufwachte und die Kommentarfelder wieder übervoll waren mit "einwanderungskritischen" Kommentaren, hatte ich das Gefühl, dass der Fortschritt der Medien in einem einzigen großen Kater bestand. Kurze Zeit darauf verließ ich Newsmill. Ich tat es nicht nur mit dem Gefühl, vom Troll besiegt worden zu sein, sondern auch im Wissen, dass mein Kampf sinnlos gewesen war.

Jedes Mal, wenn ein einsamer Täter ein extremistisches Attentat begeht, taucht der Vorwurf auf: "Es waren die rechten Medien (alternativ: die populistischen Politiker), die den Verrückten inspirierten." Diese Debatte wurde zum Beispiel in Schweden nach dem Mord an Olof Palme geführt. In den USA gab es Publizisten, die nach dem Attentat von Tucson die Schuld bei Sarah Palin suchten. Doch nach den Anschlägen von Utøya wurde der Troll zum ersten Mal zur Rechenschaft gezogen. Vieles deutet darauf hin, dass Anders Breivik selbst ein Troll war. Mehrere große Tageszeitungen in Skandinavien fassten darauf drastische Beschlüsse - wie etwa, die Kommentarfelder wenn nicht ganz, doch bis auf weiteres zu schließen.

Persönlich verstärkte das Massaker in Norwegen mein Gefühl, gescheitert zu sein. Nicht weil ich "zensierte". Sondern weil ich es nicht früher und entschlossener tat.

Der Autor, geboren 1971, begann seine journalistische Laufbahn 1999 als Musikkritiker der schwedischen Abendzeitung Expressen. Ein Jahr später wurde er politischer Redakteur und Leitartikler. Er verließ die Zeitung im Dezember 2007, um das Internet-Magazin Newsmill zu gründen. Seit Dezember 2010 ist er freier Autor.

Deutsch von Thomas Steinfeld.

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