Mega-Hit aus Indien:Erröten vor Millionen

Mega-Hit aus Indien: Badshahs Bewunderin im Video: Jacqueline Fernandez, 2006 zur Miss Sri Lanka gekrönt, startete 2009 ihre Bollywood-Karriere in "Aladin" von Sujoy Gosh.

Badshahs Bewunderin im Video: Jacqueline Fernandez, 2006 zur Miss Sri Lanka gekrönt, startete 2009 ihre Bollywood-Karriere in "Aladin" von Sujoy Gosh.

(Foto: Screenshot)

Könnte der erfolgreichste Song des Jahres werden: "Paani Paani" des indischen Rappers Badshah. Der Text ist auf Hindi, aber selbst wenn man das nicht versteht, ist das Video deutlich genug.

Von David Pfeifer

Was ein Hit ist, darüber entscheiden mittlerweile so viele verschiedene Menschen auf so unterschiedlichen Plattformen in der ganzen Welt, dass es sein kann, dass etwas bereits ein Mega-Hit ist, ohne dass man es mitbekommen hat. Fährt man beispielsweise zum Flughafen Mumbai, dann steht dort ein Billboard, das "Paani Paani" als den erfolgreichsten Song des Jahres auszeichnet, und was die YouTube-Abrufe angeht, kommt das etwa hin.

Der Song des indischen Rappers Badshah hat bereits mehr als 345 Millionen "Views" steht da also auf dem Plakat, und das ist etwa die Preislage eines anderen asiatischen Pop-Phänomens, nämlich der südkoreanischen Boygroup BTS. Die habe mit ihrem aktuellen Hit "Butter" bereits 480 Millionen Klicks generiert. Allerdings ist das Lied auch schon einen Monat länger auf dem Markt, und es wird englisch gesungen. "Paani Paani" aber auf Hindi. Man muss "Paani Paani" allerdings nicht unbedingt verstehen, ähnlich wie der koreanische Rap "Gangnam Style" vor einigen Jahren zum meistgespielten Video weltweit werden konnte (3,95 Milliarden Views, mittlerweile mehrfach überholt) ohne dass Nichtkoreaner auch nur ein Wort entschlüsseln konnten. Im Lied "Paani Paani" bleibt ebenfalls vor allem die Wiederholung dieser beiden Worte hängen, in der Gesamt-Hook eingebettet in die Zeile "Main Paani Paani Ho Gayi", was etwa bedeutet: "Ich errötete, mein Geliebter."

Im Video ahnt man, wieso errötet wird. Da tanzt die Schauspielerin und ehemalige "Miss Sri Lanka", Jacqueline Fernandez, die in Bollywood eine Größe ist, sehr siebenschleiermäßig mit Badshah und bewegt dabei die Lippen zu den Worten, die die Sängerin Aastha Gill im Studio eingesungen hat. Gill selber taucht im Video nur kurz auf. Dafür aber wird, im Gegensatz zum eher jugendfreien Ansatz von BTS, die Hüfte gekreist, wie es nach Bollywood-Moralnormen gerade noch okay ist, auch in der großen Formation, mit vielen Background-Tänzerinnen.

Mega-Hit aus Indien: Körpersprache aus der Schule des US-Hiphops der Zweitausender: Badshah im Video zu "Paani Paani"

Körpersprache aus der Schule des US-Hiphops der Zweitausender: Badshah im Video zu "Paani Paani"

(Foto: Screenshot)

Badshah hat davon profitiert, dass einige Produktionen in Mumbai durch die Pandemie auf Eis gelegt waren, so konnte zwei Tage in einem großen Studio gedreht werden. Dass Badshah zu den aufwändigen Choreografien dann Sätze rappt wie, "das Glas ist halbvoll, wirst Du es auffüllen?" - geschenkt. Das Video ist in der Schule von US-Rappern der frühen Zweitausender-Jahre gehalten, allerdings mit Bauchtanz in exotischen Palästen und auf Teppichen, die hochkant in der Wüste stehen (immerhin fliegen sie nicht). Badshah rappt und bewegt sich zwischen den Tänzerinnen, als würden Kugeln in der Größe von Dromedarhöckern ihn torkeln lassen. Ach so, Dromedare reiten auch durch die Wüste. Und schwarze Pferde. Und ein Rolls-Royce rast durch den Sand. Wie gut die Übertreibungskunst der indischen Filmindustrie zu Old-School-Hip-Hop passt, wird da augenfällig.

Dass der Song gleich im Ohr bleibt, weshalb man ihn tendenziell doch ein paar Mal hintereinander hören möchte, liegt an einem Traditions-Instrument namens Ravanhattha, welches einen leicht quengelnden Ton von sich gibt und das man sich als asiatischen Vorläufer der Geige vorstellen kann - beide Instrumente teilen das Potenzial, extrem zu nerven, wenn sie nicht virtuos gespielt werden. Der brillante Streicher in "Paani Paani" lässt die Töne sanft heranwehen, und auch wieder davon, bleibt aber präsent, außer in den Momenten, in denen "ich errötete, mein Geliebter", gesungen wird. Dazu eine Rhythmus-Gruppe, in der das Schlagzeug nicht so sehr treibt wie der Bass schiebt, was ja auch irgendwie die richtigen Körperregionen für den dazugehörigen Tanz anspricht.

Es gibt übrigens, wie auch bei den immer eher niedlichen und entschieden asexuellen BTS-Choreografien, dazugehörige Fan-Videos, sogenannte "Dance Challenges", in denen von Hip-Hop- bis Bauchtänzerinnen viele ihre Moves beisteuern. Das zahlt zwar nicht auf den Gesamtzähler ein, aber bei Redaktionsschluss hatte "Paani Paani" schon 374 Millionen Views, in Mumbai müssen sie also bald neue Billboards aufstellen.

© SZ/masc
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