Medikamente für die Leistungsgesellschaft:Jeder wie er's braucht

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So treibt sich eine Leistungsgesellschaft mit leistungssteigernden Mitteln zu noch mehr Leistung. Wer beschwert sich da über Doping-Geständnisse von Radprofis? Die sind als Doper, man muss das so sagen, nur eine Randgruppe auf Rädern. Orchestermusiker schlucken vor Konzerten Tranquilizer. Wer eine neue Stelle will, stellt sich für das Bewerbungsgespräch ruhig.

Redner besänftigen sich mit Hilfe ihres Arztes oder Apothekers vor Vorträgen, Redegäste vor Talkshows, Moderatoren stimulieren sich mit Alkohol. Popsänger nehmen Muntermacher und einen Haufen legaler wie illegaler Drogen vor Auftritten und machen keinen Hehl daraus. Kampfjet-Piloten schlucken Modafinil, um die Müdigkeit zu überwinden und mehr als 24 Stunden im Cockpit bleiben zu können.

Wen stört das? Wer regt sich darüber auf? Und warum sollten ausgerechnet die Protagonisten im Spitzensport, wo die Konkurrenz im Kampf eins zu eins oder nach einem Massenstart viel unmittelbarer ausgetragen wird, auf leistungssteigernde Mittel verzichten?

Wenn mehr oder weniger die ganze Gesellschaft gedopt ist, zeugt es von großer Heuchelei, die Disqualifikation von Sportlern zu fordern, ob sie gestanden haben oder überführt worden sind. Heinz Rudolf Kunze, der schwitzende Streber unter den Deutschrockern, hat gesungen: "Wir leben alle auf Kredit und auf Rezept." Schwitzen ist eine Nebenwirkung vieler Medikamente, aber Kunze hat ja recht.

Gilt ein Orgasmus weniger, wenn die Erektion mit Viagra verlängert worden ist? Ist ein Geschäftsabschluss nicht bindend, wenn einer der Vertragspartner vorher Amphetamine genommen hat? Muss sich eine Frau betrogen fühlen, wenn der Mann eine Anti-Aging-Kur macht? Ist er hinters Licht geführt worden, wenn sich ihre Stirn plötzlich botoxglatt anfühlt?

Im Sport gilt Doping als Betrug. Dabei handelt es sich - ähnlich wie bei der Einnahme von Drogen - um ein selbstschädigendes Verhalten, und wenn schon um ein Verbrechen, dann um ein opferloses. Kinder lernen in der Schule, dass vagabundierende Energien mit freundlicher Unterstützung von Novartis, Roche und Co. gebündelt werden können. Der hyperaktive aber kreative Chaot, der zuvor kaum mitkam, schreibt plötzlich Einser, nachdem er von Eltern oder Lehrern seine Tabletten bekommen hat. Immer mehr Eltern schicken Kinder, die heute bereits im Alter von zehn Jahren unter einem absurden Leistungsdruck stehen, mit Medikamenten auf die Erfolgsspur.

Das Etikett Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ist unter Schülern so verbreitet wie Asthma unter Tour-de-France-Teilnehmern. In beiden Fällen scheint die Diagnose eine Behandlung zu rechtfertigen. Unter dem Deckmantel eines vermeintlichen Leidens wird die Leistung gesteigert. Dabei ist die Mehrzahl der Kinder nicht krank, die wegen einer angeblichen Aufmerksamkeitsstörung behandelt werden - ihre Aufmerksamkeit ist nur nicht da, wo Eltern oder Lehrer sie gerne hätten.

Bloß nicht abgehängt werden

Genauso wenig hat die Mehrzahl der Radprofis Asthma - ihr Lungenvolumen ist nur nicht da, wo es der Teamchef gerne hätte. Im Übrigen ist es absurd, von Ärzten Hilfe im Kampf gegen Drogen, Medikamentensucht und Doping zu erwarten. Keine Berufsgruppe außer der der Journalisten und Gastwirte ist stärker legalen und illegalen Drogen wie Alkohol, Nikotin, Kokain und Tabletten verfallen, vom in deutschen Büros in Bruttoregistertonnen genossenen Koffein zu schweigen.

Es gibt eine kulturgeschichtliche Tradition, sich auf unlautere Weise Vorteile zu verschaffen. Weil auf die Pharmaindustrie früher wenig Verlass war, mussten Kräuterelixiere und wundersame Tinkturen für die Leistungssteigerung herhalten.

Der bis auf die Ferse unverwundbare Achill war gedopt, ebenso Siegfried aus den Nibelungen, den - bis auf eine Stelle am Rücken, die während der Unverwundbarkeitstherapie ein Blatt bedeckte - kein Pfeil oder Speer durchdringen konnte.

Der Unterschied zu den Sporthelden von heute: In diesen Mythen sind die Doper die Guten. Das hat sich geändert, auch wenn es noch nicht alle gemerkt haben. Kürzlich wurde ja Jan Ullrich für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, und ein Besuch der Kanzlerin bei dem gefallenen Radheroen angeregt.

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