Medienpersiflage "Aftershowparty" Baby Schimmerlos ist tot, es lebe "Story"

Manfred Dörner, Protagonist in "Aftershowparty", lebt fast so dekadent wie einst Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz, MItte) in Kir Royal.

(Foto: WDR)

Er ist stets betrunken, ein Weiberheld - und skrupellos. "Aftershowparty" erzählt die Geschichte des Reporters Manfred Dörner, genannt "Story". Der Branchentratsch ist zu schön ist, um nicht wahr zu sein.

Von Claudia Fromme

Kir Royal ist lange tot. Die Münchner Schickeria trinkt heute anderes Zeug, im Journalismus fährt keiner mehr einen weißen Porsche. Kostenminimierung und neue Erlösmodelle sind die Dogmen von Verlegerin Franziska Steil, die Europas größte Boulevardzeitung, das Blatt, herausgibt. "Werden Sie wach", herrscht sie ihren twitternden Chefredakteur an. "Print ist tot!"

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Etwas hat überlebt: Manfred Dörner, genannt "Story", ein Reporterklischee alten Schlags. Er ist stets betrunken, irgendeine Frau nestelt immer an seinem Hosenlatz herum, für saftige Zeilen schmiert er den Portier des "Ritz Carlton", wie einst Baby Schimmerlos dicke war mit dem Personal des "Bayerischen Hofs". Wie auch jenen pfeift ihn seine Verlegerin zurück, wenn er zu hungrig wird. "Story" ignoriert das und bringt einen Scoop, in der ein Swingerklub, ein ARD-Talkshowmoderator und ein Fuß mit sechs Zehen eine Rolle spielen.

Ganz kurz ist er ein Held, dann fließt Schnaps statt Champagner.

Lederner Humor mit Branchentratsch

So ungefähr verläuft der Roman Aftershowparty von Jens Westerbeck, der früher mal bei Bild war und Gagschreiber im TV. Es geht um Menschen auf Sinnsuche, um die gute alte und die böse neue Zeit im Journalismus.

Der Roman hat nicht sehr viel von der Subtilität eines Johann Holtrop oder der Grandezza von Kir Royal, aber der lederne Humor mit Branchentratsch, der zu schön ist, um nicht wahr zu sein, macht ihn lesenswert. "Die Wahrheit nervt. Die Lüge dagegen ist wundervoll", steht darin.

Die wohl größte (und bedauerlichste) Lüge findet sich ganz vorn, nämlich, dass alles erfunden ist und es natürlich keine Zeitung gibt, bei der so etwas passiert.

Der Roman "Aftershowparty" ist bei Heyne Hardcore erschienen, hat 302 Seiten und kostet 14,99 Euro.

(Foto: Heyne Hardcore)