Medien-Imperium:Auf ganzer Linie

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Der staatliche Mischkonzern Gazprom hält bald 90 Prozent der russischen Medien - direkt oder indirekt.

Daniel Brössler

Die Komsomolskaja Prawda ist eine ausgezeichnete Zeitung, wovon sich ihre Leser Tag für Tag auf Seite eins überzeugen dürfen. Immer noch werden dort alle Orden, fünf an der Zahl, abgebildet, die dem Blatt aus sowjetischer Zeit geblieben sind - aus jener Epoche also, als die Komsomolskaja Prawda ("Wahrheit des Komsomol") noch Organ der kommunistischen Jugend war.

Gazprom

Die Gazprom-Zentrale in Moskau

(Foto: Foto: dpa)

Im kapitalistischen Russland verdient das Blatt sein Geld längst auf dem Boulevard und das mit Erfolg. Die Auflage erreicht wochentags bis zu 830 000. An Wochenenden liegt sie sogar bei 3,1 Millionen. Die Zahl ihrer Leser wird auf acht Millionen geschätzt. In Russlands eher von geringen Reichweiten geprägter Presselandschaft ist die Zeitung mit dem Kosenamen Komsomolka somit ein Riese. Keine russische Zeitung wird von mehr Menschen gelesen, kein Blatt verfügt über eine vergleichbare Massenwirkung.

"Es geht um Politik"

Bislang gehört die Komsomolka dem kremltreuen Oligarchen Wladimir Potanin, der aber schon seit längerer Zeit einen Käufer sucht, um sich aufs Fernsehgeschäft zu konzentrieren. Seit dieser Woche nun steht als Käufer Gazprom-Media fest. Das ist die Medientochter des russischen Gasgiganten Gazprom. Voraussichtlich im Januar werde das Geschäft perfekt gemacht, kündigte der Chef von Gazprom-Media, Nikolai Senkjewitsch, an. "Es geht hier nicht ums Geschäft. Es geht um Politik", meint indes Oleg Panfilow, der Leiter des Moskauer Zentrums für Journalismus in Extremsituationen. Die Übernahme der Komsomolskaja Prawda sei Teil der Vorbereitungen für die Parlamentswahl im Dezember 2007 und die Präsidentenwahl im März 2008. "Die Komsomolskaja Prawda wird als schwere Artillerie eingesetzt", prophezeit er.

Gazprom, Russlands mit Abstand größte und mächtigste Firma, beschäftigt sich keineswegs nur mit dem Verkauf und der Förderung von Gas. Sie leistet sich eine eigene Fluggesellschaft, eine Bank und vieles mehr. In den vergangenen Jahren hat sie zudem ein beachtliches Medien-Imperium geschaffen, die Gazprom-Media.

Ursprünglich wurde auf der im Internet einsehbaren Liste der offiziellen Gazprom-Tochterfirmen und Beteiligungen Gazprom-Media zwischen Gazprombank und Gazpromgeofizika geführt. Im Verzeichnis taucht Gazprom-Media nun zwar nicht mehr auf, doch das ist Kosmetik. Gazprom-Media gehört inzwischen der Gazprombank und die gehört mehrheitlich Gazprom. Gazprom wiederum gehört mehrheitlich dem Staat. So führt, zumindest bei Bedarf, eine Befehlskette vom Kreml bis in Redaktionsstuben.

Am offensichtlichsten wird das im Fernsehen. Einst gab es in Russland einen großen Privatsender namens NTW. Sein Programm war frech, kritisch, massenwirksam - und ging Präsident Wladimir Putin mächtig auf die Nerven. Den Sender gibt es immer noch. Nun aber ist er brav, unkritisch und hat an Popularität verloren. Dafür glänzt Putin als Held fast jeder NTW-Nachrichtensendung. Dieser Verwandlung des Senders ging ein Besitzerwechsel voraus. NTW gehörte ursprünglich zum Media-Most-Konzern des Oligarchen Wladimir Gussinskij. Der wurde nach Putins Amtsantritt außer Landes getrieben, den Fernsehsender NTW übernahm Gazprom-Media.

Für die Festigung der Macht Putins war dies ein entscheidender Schritt, denn die beiden anderen großen Sender, der Erste Kanal und Rossija, sind ohnehin staatlich. Hinzu kommt, dass im riesigen russischen Reich nur das Fernsehen alle Bevölkerungsschichten in allen Teilen des Landes erreicht. Nach einer Erhebung des Romir-Instituts (2005) sind die größten Fernsehsender die Haupt-Informationsquelle für 79 Prozent der russischen Bevölkerung. Aus dieser Quelle ist wenig über die Opposition in Russland zu erfahren, Kritik am Präsidenten ist ohnehin tabu. Zwar leistet sich Gazprom-Media auch Echo Moskwy, einen Radiosender mit durchaus kritischer Linie. Auch das sei aber ganz im Sinne des Kreml, glaubt Panfilow, denn das Programm erfülle für Intellektuelle und kritische Geister im Land eine Ventil-Funktion: "Echo Moskwy spielt die Rolle, die zu sowjetischer Zeit BBC, Deutsche Welle und Radio Liberty hatten." Wirkliche Gefahr gehe davon nicht aus, die Reichweite sei verglichen mit jener des staatlichen Rundfunks bescheiden.

Anfangs schien es, als sei dem Kreml die totale Kontrolle über das Fernsehen genug und als werde zumindest eine kritische Presse geduldet. Seit geraumer Zeit aber expandiert Gazprom-Media gerade im Pressesektor. Im vergangenen Jahr übernahm die Gazprom-Tochter die traditionsreiche Tageszeitung Iswestija, deren Einfluss deutlich über ihre Auflage von 234 000 hinausgeht. Mit dem neuen Besitzer kam ein neuer Chefredakteur und eine klare kremlfreundliche Linie.

Platz 147 in Sachen Pressefreiheit

Gegen das in der Moskauer Führung so verhasste Georgien schlug gerade die Iswestija in jüngster Zeit einen besonders scharfen Ton an. Wenn nun auch die Komsomolskaja Prawda unter das Dach von Gazprom-Media gelangt, so werden nach Angaben der Union der Journalisten in Moskau 90 Prozent der russischen Medien direkt oder indirekt in staatlicher Hand sein - eines Staates der gerade erst auf einer Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenze auf Platz 147 in Sachen Pressefreiheit gelandet ist - knapp vor Weißrussland.

Kritik an Gazproms Medienmacht äußern keineswegs nur Verfechter der Pressefreiheit. Wirtschaftsminister German Gref forderte: "Das Investitionsprogramm von Gazprom sollte sich auf die Steigerung der Gasproduktion konzentrieren." Da gebe es eine Menge zu tun für den Konzern.

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