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Mediaplayer:Zwei wie Bonnie und Clyde

Boxcar Bertha Die Faust der Rebellen BOXCAR BERTHA USA 1972 Regie Martin Scorsese DAVID CARR

Barbara Hershey und David Carradine in "Boxcar Bertha".

(Foto: imago)

Mit dem Herz-As gegen bürgerliche Ausbeuter: Barbara Hershey und David Carradine spielen ein grandioses Paar in Martin Scorseses "Boxcar Bertha". Es war der erste große Spielfilm des Regisseurs - produziert hat Roger Corman.

Eine Liebeserklärung, ein Liebesbeweis: Aus den Spielkarten, die am Boden liegen, greift das Mädchen das Herz-As heraus und steckt es dem Jungen in die Brusttasche seines Hemdes. Bertha Thompson und Big Bill Shelly - gespielt von Barbara Hershey und David Carradine. Sie befinden sich in einem boxcar, einem Güterwagen, es sind die Dreißigerjahre in Amerika, und die Eisenbahn benutzen Bertha und Billy und ihre Kumpane, um voranzukommen im Land. Die Depression - Arbeitslosigkeit, Heimat- und Hoffnungslosigkeit - bringt die Menschen zusammen im Widerstand gegen die bürgerlichen Ausbeuter. Bill ist in der Gewerkschaft tätig, er stachelt die Leute auf gegen die Sheriffs und Polizisten, gegen die Schergen der Eisenbahngesellschaft. Wenn alles dann zu Ende gegangen ist, ziehen diese Bills Herz-As hervor und nageln es über seinen Kopf.

"Boxcar Bertha" ist der erste große Spielfilm von Martin Scorsese. Roger Corman gab ihm die Chance, der legendäre Produzent und Regisseur, der in seinem Wir-können-das-auch-Überschwang in den Fünfzigern und Sechzigern alle großen Genres und Kino-Erfolge nachmachte. Vorbild für "Boxcar Bertha" (Die Faust der Rebellen) war natürlich "Bonnie and Clyde", und es war für Corman-Verhältnisse eine richtige Großproduktion. Er schickte Scorsese nach Arkansas, vier Tage gab er ihm Zeit, dann mussten alle Zugszenen abgedreht sein. Ein gewaltiger Stress. Schon am Morgen bist du im Verzug, erzählte Scorsese, schon durchs Atmen verlierst du Zeit.

Es ist ein unreifes, unfertiges, offenes Stück Kino, aber diese Unfertigkeit ist eine Qualität. Zur Vorbereitung hatte Scorsese vom gesamten Drehbuch ein Storyboard gezeichnet und Einstellung für Einstellung an die Wände seines Hotelzimmers in Arkansas gepinnt. Der Film hat dadurch eine eigentümliche Atemlosigkeit erhalten, es ist, als würde man ein Kartenspiel durchblättern oder einen Comic.

Es sind die stupiden alten Hierarchien, die die Depression so brutal erscheinen lassen, die Strukturen der alten weißen Männer, vom Süden vererbt. Hey Nigger, sagt ein Sheriff zu einem schwarzen Inhaftierten, wenn du unbedingt Mundharmonika spielen musst, dann spiel Dixie.

Barbara Hershey ist als Bertha ein Kind in den ersten Einstellungen, naiv und verletzlich, wenn sie den Tod des Vaters erleben muss, aber schnell lernt sie unabhängig zu sein, manchmal muss sie dafür schnippisch sein und schikanös - dann kann sich Hersheys sanftes, verkantetes Lächeln in ein schadenfrohes Grinsen verziehen. Um zu überleben, als Bill in ein Straflager kommt, geht Bertha auch in ein Hurenhaus. Einer der Kunden stellt ihr alle möglichen Fragen: Waren Sie jemals verliebt? Sind Sie zur Kirche gegangen, als Sie jung waren? Ist Ihre Mutter eine Hure? Sind Sie ein Cop?, fragt Bertha, nein, erklärt er, ein Anthropologe. Er zückt einen Notizblock, um die Antworten zu notieren. Die Gemeinschaft der Frauen, diese Mischung aus Solidarität, Mütterlichkeit und Fröhlichkeit, ist immer noch unergründlich, wie eine Utopie, ein Versprechen für eine neue Gesellschaft. Während der Dreharbeiten hat Hershey Scorsese einen Roman zum Lesen gegeben, den sie sehr liebte, "Die letzte Versuchung" von Nikos Kazantzakis, eine Transfiguration des Lebens Christi. Scorsese hat ihn 1988 verfilmt.

Ein anderer Kunde zieht, im Gehen begriffen, sein Jackett an, dann wendet er sich spontan zu Bertha um: Wenn ich dir fünfzehn Dollar gebe, kann ich dann bis zum Morgen bleiben? Ich möchte die Nacht nicht allein bleiben. Sie ist einverstanden. Es ist Martin Scorsese selbst, der diesen Mann spielt.

Boxcar Bertha ist auf DVD und Bluray erschienen bei Koch Media.

© SZ vom 09.07.2018

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