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Mediaplayer:Zombies im Kokainstaub

James Franco in einer Parodie der Serie „Game of Thrones“.

(Foto: Blackpills)

Die Handy-App Blackpills hat sich auf Mini-Serien spezialisiert, die Folgen dauern immer nur ein paar Minuten. Auch mit dabei: James Franco als TV-Parodist.

Von Philipp Stadelmaier

Die Faszination großer amerikanischer Fernsehserien wie "Breaking Bad" oder "Game of Thrones" besteht darin, dass sie sich viele Stunden Zeit nehmen, um ihre Geschichten zu erzählen. Solche epischen Produkte sucht man auf "Blackpills", einer neuen Streamingplattform für Serien, vergeblich. Während eine Episode in einer klassischen Serie schon mal eine Stunde dauert, beträgt die Laufzeit bei Blackpills nur um die zehn Minuten pro Folge, manchmal noch weniger.

Der Grund: Blackpills ist eine App fürs Smartphone, auf dem man sich die Mini-Serien anschaut. Das französische Unternehmen hinter der (noch kostenlosen) App wendet sich an eine junge Zuschauerschaft, die zunehmend ihr Handy als Abspielgerät benutzt. Und da auf dem kleinen Bildschirm die Konzentrationsdauer niedriger ist, sind die Episoden entsprechend kurz. 29 Serien aus den unterschiedlichsten Genres kann man sich aktuell anschauen, die meisten wurden exklusiv für Blackpills hergestellt.

Um dem Risiko der Langeweile entgegenzuwirken, hat man sich neben der geringen Dauer der Episoden unter anderem auf Provokation und schrillen Humor verlegt. So zum Beispiel in "Pillow Talk", eine Serie, die man in gerade mal zwei Stunden komplett durchschauen kann. Es geht um einen Typen namens Ryan, der in Los Angeles lebt. In der ersten Episode nimmt er sich vor, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Dies versucht er, indem er mit vielen Frauen schläft. Der Vater einer seiner Partnerinnen erkundigt sich besorgt, ob seine Tochter mit ihm einen Höhepunkt hatte; eine andere seiner Freundinnen landet nach verunglücktem Sex im Krankenhaus. Wenn sich zu Beginn der zweiten Staffel sein Mitbewohner umbringt, bewundert Ryan den riesigen Penis der Leiche und bei der Trauerfeier springt aus dem Sarg eine Stripperin. Der Tod kann kaum verarbeitet werden - er ist nur ein Vorwand für den nächsten Gag.

Auch in der Serie "Exposed" sollen Tabus über Sex gebrochen werden, jedoch in wesentlich düstererer Form. Um sich die Studiengebühren fürs College finanzieren zu können, verfällt ein hübsches junges Mädchen der Prostitution und dem Pornobusiness. Es geht um Macht und Ruhm, darum, den eigenen Körper zu verkaufen, um gesellschaftlich aufzusteigen. Man sieht sie beim Pornodreh, gleichzeitig wird sie von ihrer Familie als Hure beschimpft. Bei aller Tabubrecherei ist das dann doch nur die Reproduktion einer puritanischen Sexualmoral: Hat ein Mann Sex mit vielen Frauen, ist das eine Komödie; hat eine Frau Sex mit vielen Männern, ist das etwas Verruchtes.

Die knappe Dauer der Episoden macht komplexere Diskurse unmöglich, alles schreit nach reißerischen Momenten. Beim Schauen erliegt man selbst bald dieser Reizschwemme, testet Episoden nur an oder scrollt sie durch. Gleichzeitig verliert man so die Handlung aus den Augen.

Ein echter Ruhepol hingegen ist "Making a Scene" von und mit James Franco, da hier die Episoden nicht aufeinander aufbauen und jede für sich steht. Das Konzept: In jeder Folge wird ein Film oder eine Serie mit einem Musikvideo kombiniert, woraus Franco und seine Mitarbeiter dann einen neuen Clip drehen. So wird die Kifferkomödie "Ananas Express" mit Beyoncés Video zu ihrem Song "Hold Up" gemixt. Beyoncé läuft darin in einem gelben Kleid und einem Baseballschläger durch die Straßen. Das macht dann auch Franco, ebenfalls im gelben Kleid - der Baseballschläger sieht allerdings wie ein riesiger Joint aus. In einer weiteren Folge kombiniert er die Serie "Narcos" über den mexikanischen Drogenbaron Escobar mit dem berühmten "Thriller"-Video von Michael Jackson.

Auch der Name Blackpills erinnert an eine Droge. Die soll nicht mehr nach einer bestimmten Serie süchtig machen, sondern nach der ständigen Erneuerung. Jede Woche will die App eine neue Serie hochladen, um das Publikum bei Laune zu halten. Francos Serie erscheint da beinahe pädagogisch, erlaubt sie doch dem Zuschauer, sein popkulturelles Gedächtnis zu testen oder überhaupt erst eines zu entwickeln, mit anderen Worten: im Dauerdurchlauf schnell vergessener Bilder etwas zurückzuhalten.

Weitere Infos unter www.blackpills.com

© SZ vom 06.11.2017

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