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Mediaplayer:Zombies? Ach was.

Wir sind hier in Sorgenfri. Da kann's gar keine Zombies geben . . .

(Foto: Capelight)

Regisseur Bo Mikkelsen nutzt in "What we become" das altbekannte Zombiemotiv für raffiniertes Genrekino.

Von Sofia Glasl

Händewaschen gegen Zombieviren, das ist in der Logik des Horrorfilms ähnlich zielführend wie zu versuchen, sich einen wilden Löwen mit "Schu! Schu!"-Rufen vom Leibe zu halten: Kann man schon machen, bringt aber nicht viel. Untote wie Großkatzen beißen jeden, den sie in die Klauen bekommen. Zombiefizierung als Infektionskrankheit ist spätestens seit Danny Boyles Endzeitvision "28 Days Later" ein Genrestandard, der auch der Erfolgsserie "The Walking Dead" zugrunde liegt.

Dass nun im Kinodebüt "What We Become" des dänischen Regisseurs Bo Mikkelsen die Bewohner der Kleinstadt Sorgenfri nicht früher stutzig werden, wäre demnach in jedem anderen Zombiefilm ein Grund zum Augenrollen. Denn als hier eine merkwürdige Seuche ausbricht, ignorieren sie unbekümmert die Warnungen der Behörden und gehen auf ein Volksfest. Auch als die Medien von einer Quarantänezone berichten, scheint sie das alles nicht wirklich zu betreffen. Fernseher aus, schon sind die Nachrichten keine Realität mehr. Wie glaubwürdig diese sind, ist eine andere Frage, denn lange wird Händewaschen entweder aus Hilflosigkeit oder als Täuschmanöver als Hygienemaßnahme propagiert. Als die Familie des Jugendlichen Gustav endlich merkt, dass Tote in Gestalt menschenfleischhungriger Monster wiederauferstehen, ist es zu spät und die Apokalypse schon in vollem Gange. Sie selbst leben plötzlich im Quarantäneghetto und werden von insektenähnlich verpackten Einsatzkommandos des Militärs mit Lebensmitteln versorgt.

"What We Become" nennt Bo Mikkelsen seinen Film, "Sorgenfri" den Ort des Geschehens. Aus den Menschen werden natürlich Zombies, der Zuschauer aber muss fast bis ans Ende des Films warten, bis er einen Blick auf die Kreaturen werfen darf: Zombiegemetzel ist nicht sein Anliegen, sondern das unerbittliche emotionale Gemetzel unter den Überlebenden. Postfaktisches Denken und eine schulterzuckende "Alles wird gut"-Haltung sind Basis ihrer Lebenseinstellung, ihre einzige Bewältigungsstrategie besteht darin, die Realität rundheraus zu leugnen. Mehrfach windet sich die Mutter aus einem Gespräch mit Gustavs Schwester Maj, die Angst vor dem Tod hat. Letztendlich erzählt sie ihr, dass Wissenschaftler an einer Pille arbeiten, die unsterblich macht. Querelen innerhalb der Familie, aber auch mit den Nachbarn, bestimmen ihr Leben lange über den Zusammenbruch des Alltags hinaus. Der unsichtbare Schrecken interessiert Mikkelsen, das Grauen, das aus den Menschen selbst heraus entsteht.

Zombies sind paradoxe Wesen. Tot und lebendig zugleich fristen sie ein Dasein als Wiedergänger ohne Bewusstsein. Parallelen zur besinnungslosen Gesellschaft schrieb ihnen schon Zombie-Altmeister George A. Romero ein und ließ sie als lemminghafte Herde durch Konsumtempel schlurfen. Sind sie in den klassischen Produktionen neben ihren Vampir- und Werwolfkollegen noch eine Allegorie der menschlichen Urängste und verdrängter Triebe, funktionieren sie hier als Katalysator gesamtgesellschaftlicher Diskurse. Wie reagiert der Einzelne auf den Ausnahmezustand? Was ist er bereit, für die Gemeinschaft zu geben? Wie gehen Regierung und Medien mit Informationen um?

Bo Mikkelsen knüpft mit seinem Film an eine Reihe von minimalistischen Horrorfilmen aus Dänemark an, die bewusst zurückgenommen auf Genremuster zurückgreifen und den Schauwert zugunsten von psychologischer Tiefe unterdrücken. So ist etwa Jonas Alexander Arnbys Werwolf-Drama "When Animals Dream" aus dem Jahr 2014 eine Coming-of-Age-Geschichte um ein unangepasstes Mädchen in einem dänischen Fischerdorf. In mehreren Akten des Aufbegehrens rebelliert sie gegen die strikten Regeln des Dorflebens und emanzipiert sich als eigenständige Person.

Filme wie "What We Become" zeigen, dass dänisches Kino jenseits von Oscar-Kandidaten wie Susanne Bier und Anders Thomas Jensen, jenseits von Lars von Triers psychologischen Studien und Nicolas Winding Refns Genrestücken klug und effektiv erzählen kann und im Genrebereich Impulse setzt.

What We Become ist auf DVD und Blu-ray erschienen (ab 13,99 Euro) sowie als Video on Demand erhältlich (ab 9,99 Euro).

© SZ vom 21.11.2016

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