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Mediaplayer:Weg des Waschbären

Filmstills "Wakefield"

Noch wirkt die Familie intakt, aber der Wahnsinn naht.

(Foto: Gilles Mingasson/KSM)

Bryan Cranston versteckt sich in "Wakefield" auf dem Dachboden, überwacht von dort heimllich seine Familie und liefert eine grandiose Ein-Mann-Show.

Von Sofia Glasl

Ein Stromausfall setzt alles auf Null. Auch das Gehirn von Howard Wakefield, seines Zeichens verbitterter Vorstadtvater und misanthropischer Jurist. Vor Langeweile gelähmt, pendelt er tagein tagaus zwischen Manhattan und der New Yorker Suburb. Der Stromausfall lässt die eingespielte Maschinerie aus dem Takt geraten, Howard geht einfach nicht nach Hause in sein steriles, austauschbares Leben. Stattdessen folgt er einem Waschbären, den er in der finsteren Einfahrt beim Plündern der Mülltonne überrascht. Er landet auf dem Dachboden über seiner eigenen Garage.

Es ist nur eine kleine Verwerfung im vorstädtischen Raum-Zeit-Kontinuum, doch in "Wakefield", nach der gleichnamigen Erzählung, die Nathaniel Hawthorne erfunden und später E.L. Doctorow neu aufgeschrieben hat, das Initialmoment für Howards Flucht. Eine surreale Flucht im Geiste ist das, denn Howard geht nicht fort, sondern bleibt auf dem Dachboden. Aus dem Giebelfenster hat er nämlich einen perfekten Blick auf das Haus - und seine Familie. Er entscheidet sich, zu beobachten, wie seine Frau Diana und die Zwillingstöchter auf sein Fehlen reagieren. Er scheint der Familie eine Falle zu stellen: Wie lange brauchen sie, um sein Verschwinden zu begreifen, zu akzeptieren und zu verarbeiten? Ihre Loyalität steht auf dem Prüfstand, denn er kann sich ja jederzeit dazu entscheiden, mit einem Tusch wieder aus der Versenkung aufzutauchen.

Howard Wakefield ist im Selbstzerstörungsmodus und das Publikum ist in seinem Kopf gefangen. Denn Autorin und Regisseurin Robin Swicord, die 2008 für ihr Drehbuch zu "Der seltsame Fall des Benjamin Button" für einen Oscar nominiert wurde, bleibt nah an Doctorows Kurzgeschichte, die in Gedankenströmen aus Howards Perspektive erzählt ist. Darin gibt er sich als selbstgerechter und missgünstiger Kleingeist, der den Pausenknopf zu seinem Leben gedrückt hält und dem sein Umfeld herzlich egal ist. Im Voice Over kommentiert er sarkastisch sein Handeln und blickt auf seine Ehe mit Diana zurück. Wie er sie seinem besten Kumpel ausgespannt hat, wie sie ihn nach der Eroberung plötzlich langweilte und er trotzdem eine besitzergreifende Eifersucht an den Tag legt. Unterdessen vergehen Wochen und Monate, und aus Howard wird ein eigenbrötlerischer Obdachloser, der wie die Waschbären Essensreste aus der Mülltonne kratzt. Einen solch sperrigen, ja unsympathischen, Charakter zum Protagonisten zu machen, verlangt eine gehörige Portion Selbstvertrauen. Zu schnell wird aus einem Antihelden ein schnöder Mistkerl. Robin Swicord gelingt jedoch eine verschrobene Charakterstudie, die trotz der sehr limitierten Perspektive ironische Distanz einzunehmen vermag. Denn Swicord konterkariert und entlarvt Howards Tiraden mit kleinen Verschiebungen in seinem Verhalten. Als er sich zu Beginn über Dianas sorgenvolle Anrufe mokiert, bebildert Swicord seine Ausführungen zur ehelichen Dauerüberwachung mit Howard selbst, der gemütlich in einem Schaukelstuhl sitzt und mit einem Feldstecher das Geschehen in seinem Wohnzimmer beaufsichtigt.

Dieser Howard ist kein angenehmer Zeitgenosse und Swicord hat das Glück, dass sie "Breaking Bad"-Star Bryan Cranston für diese Rolle gewinnen konnte. Denn der geht im Verfall dieses Unsympathen auf und haucht ihm dennoch eine gewisse Menschlichkeit ein. Nach und nach sät er Selbstzweifel in Howards zuvor sehr selbstgefälligem Weltbild. Es wird klar: Er verwechselt seine Überheblichkeit mit Überlegenheit, ist aber zu arrogant, um zu erwägen, dass er selbst falsch liegen könnte.

Er wird spätestens dann selbst zum Versuchskaninchen seines eigenen Experiments, als die Familie ohne ihn in den gewohnten Sommerurlaub fährt. Denn nun ist er tatsächlich auf sich selbst zurückgeworfen und muss auf seine eigenen Schwächen und Laster reagieren. "Ich habe meine Familie nie verlassen. Ich habe mich verlassen", stellt er beinahe reumütig fest und muss hoffen, dass er nicht wie Hawthornes Wakefield zum "Ausgestoßenen des Universums" wird, einer jenen, die es für ein paar Minuten wagen, aus ihrem Platz im starren System auszubrechen und dann nicht mehr zurückkönnen.

Wakefield ist als DVD, Blu-ray und Video on Demand erhältlich.

© SZ vom 02.09.2019
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