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Mediaplayer:Verzweifelt in Kitzbühel

Filmstills „Romy – Porträt eines Gesichts“ von Hans-Jürgen Syberberg (DVD-Start 12.2.18)

Von Hollywood war Romy Schneider angeekelt und fasziniert.

(Foto: Fernsehjuwelen)

Der Dokumentarfilm "Romy - Porträt eines Gesichts" erscheint erstmals im Director's Cut von Regisseur Hans-Jürgen Syberberg.

Von Fritz Göttler

Dies ist ein melancholischer, ein manchmal morbider Film. Eine deutsche Melancholie, mit einem Schuss Selbstinszenierung. Man sucht noch nach Worten, aber der Überdruss, der Ennui trägt sie davon.

Die Melancholie des Jahres 1967, Hans-Jürgen Syberberg erforscht das Gesicht von Romy Schneider, in starken Nahaufnahmen, unerbittlich, aber diskret, diese Schönheit, diese Müdigkeit, dieses Schwanken zwischen dem Resoluten und trauriger Unsicherheit. Sie ist des kommerziellen deutschen Nachkriegskinos überdrüssig, das sie so lang wie möglich im erfolgreichen Sissi-Image eingezwängt halten will. Sie ist nach Hollywood geflohen - Otto Preminger wollte sie, Orson Welles - und nach Paris, für neue, alternative Rollen. Ab und zu ist in Romys Larmoyanz ein wenig von der revolutionären Pariser Unruhe vor '68 zu ahnen.

Der Film, eine Auftragsarbeit des Bayerischen Fernsehens, entstand während eines Skiurlaubs in Kitzbühel. Man sieht Romy im Haus des Prinzen Liechtenstein beim Frühstück, bei Abfahrten mit ihrem Skilehrer, in der Kabine der Seilbahn, die die Hänge hinauf gondelt. Zerrissen wird die Idylle durch Überblendungen mit den Straßen von Paris, aus diesen Überblendungen entsteht das Porträt eines Gesichts, das der Titel ankündigt.

Syberberg hat sich von Anfang an für die deutschen Mythen interessiert, sie analysiert und weitergesponnen. Er hat Fritz Kortner gefilmt, wie er den Shylock spricht und "Kabale und Liebe" inszeniert, in den Siebzigern dann fantastische Filme über König Ludwig II., Karl May und Hitler gemacht. Und dazwischen: "Sex-Business - Made in Pasing", über den deutschen Pornoproduzenten Alois Brummer.

Romy will Mitte der Sechziger weg, weg, weg, sogar von der Stadt Paris. Sie ist angewidert vom Filmbusiness, hat tatsächlich fünf, sechs Rollen in großen Produktionen, mit Starpartnern abgelehnt. Rettung für sie könnte das Theater bieten, die Julia oder die Ophelia, das Gretchen, Kabale und Liebe, das Käthchen. Die Klassik. Das Burgtheater. Die heilige Johanna, von Shaw. Aber: "Ich habe eine Scheißangst vor der Bühne."

Ist das ein krankhafter Ehrgeiz, den sie entwickelt hat? Hat sie ihre Karriere, ihre Chancen selber verpatzt? Dreh alles, war die Erfolgsformel, die Preminger ihr mitgegeben hat, solang es nicht absoluter Dreck ist. "Ich hab's versucht." Wie sie das Wort Boxoffice herauspresst, darin wird ihre ganze Verzweiflung spürbar, der ganze Ekel, in dem doch immer noch ein Rest Faszination steckt angesichts der Macht des Starsystems in Hollywood.

Wie ein Kind kann sie sich freuen über die Arbeit mit Orson Welles bei der Verfilmung von Kafkas "Prozess", über den einen Dollar, den sie von ihm kriegte, weil sie den genialischen Orson dazu überreden konnte, die Rolle des Anwalts Hastler selber zu spielen. Sie wirkt ganz träumerisch, ganz bei sich als Leni. ("Und meine Müdigkeit in Paris", schreibt Kafka in seinem Reisetagebuch, "kann nicht durch Ausschlafen, sondern nur durch Wegfahren beseitigt werden. Manchmal halte ich das sogar für eine Eigentümlichkeit von Paris.")

Vor dem eigentlichen Porträt des Gesichts sieht man den Diener des Prinzen Liechtenstein den Frühstückstisch für Romy decken, Teller und Tasse, Butter und Orangensaft, das Ei natürlich, das ist eine gelassene Performance, bei der jeder Schritt und jede Bewegung stimmt. Sie ruht in sich.

Romy - Porträt eines Gesichts. Director's Cut ist auf DVD erschienen (ab 9,99 Euro).

© SZ vom 12.02.2018

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