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Mediaplayer:Verschwinden wie das Sonnenlicht

Sehenswerte neue DVDs zeigen eine Liebe zu dritt in Südkorea, Hollywood auf Gottsuche, Seifenblasenkino von Don Siegel und eine Reise ans Meer mit Jerry Lewis.

Gottsuche made in Hollywood, Der Untergang des Sonnenreiches / The Royal Hunt of the Sun, 1969, von Irving Lerner, nach dem Stück von Peter Shaffer (Pidax). Ein Sonnen-, ein Wiederauferstehungsmythos, ein Gott testet seine Unsterblichkeit. Es ist die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts, Francisco Pizarro geht mit einem Trupp Söldner nach Peru, er ist auf das Gold scharf, das es in Massen gibt im Reich der Inka, beim Herrscher Atahualpa. Robert Shaw ist der Eroberer Pizarro, Christopher Plummer, der im Dezember seinen 90. feierte, ist Atahualpa. Der Film schwankt zwischen Schlachtszenen und radebrecherisch verdrehtem Ritual. Die Männer begegnen sich in zögerlichen, scholastischen Reflexionen, mit einem Handspiegel schützt sich Pizarro, als der Inka auf ihn anlegt. Gegen Plummers halbnackte bronzene Schönheit kommt die müde Theologie der Spanier nicht an. Am Ende schreibt man ihm das Wort Gott in die Hand. Das Drehbuch stammt von Philip Yordan, einem für seine Fisimatenten berüchtigten Produzenten-Autor, der aber immer wieder auch heimlich Scripts von linken Autoren der Schwarzen Liste unter seinem Namen laufen ließ - und kassierte.

Auch Irving Lerner, ein unspektakulär aufrechter Linker, hat sich in der Zeit der Hexenjagd, auch mit Philip Yordans Hilfe, immer wieder Arbeit verschaffen können. Hat seit den Vierzigern zahlreiche Dokumentationen gemacht und wenige Spielfilme, "Murder by Contract" oder "City in Fear", und vielen Freunden ohne eigenen Credit mit seiner Montagearbeit geholfen. 1976 holte ihn Martin Scorsese, um die komplizierte Produktion von New York, New York in den Griff zu kriegen, Ende des Jahres ist Lerner aber gestorben. "New York, New York" ist ihm gewidmet. (Pidax)

Hollywood im Kalten Krieg: Nicht die Zeit für Blumen, 1952 (Filmclub Edition). Seifenblasenkino von Don Siegel! Dem Mann, der durch Dirty Harry und Charley Varrick den harten amerikanischen Krimi geprägt hat wie kein anderer. Dies ist eine handfeste und charmante kleine Komödie hinter dem Eisernen Vorhang, Ninotschka in Prag. Die junge Anna soll als Sekretärin nach Washington geschickt werden, aber dafür muss man sie erst testen - ob sie den Verlockungen des kapitalistischen Luxus widerstehen kann, dem Champagner, den Nylons, einem Schaumbad. Paul Hubschmid ist ihr Tester. Anna wird gespielt von Viveca Lindfors, damals Don Siegels Gattin.

Eine Liebe zu dritt in Südkorea, Burning, von Lee Chang-Dong. Ein Junge lernt ein Mädchen kennen, als das einen Trip nach Afrika macht, kümmert er sich um ihre Katze. Als sie zurückkommt, ist ein anderer Junge mit ihr. In Nairobi hat sie einen Sonnenuntergang erlebt, erst orange, dann blutrot, schließlich blau: Ich möchte genauso verschwinden wie das Sonnenlicht. So als hätte ich nie existiert. Im Cannes-und-Oscar-Trubel um Bong Joon-Hoos "Parasite" ist der bewegende "Burning" in unseren Kinos ein wenig zu kurz gekommen. (Capelight)

Zwei Filme vom Meer. "Big Little Lies" spielt in Monterey an der US-amerikanischen Westküste, eine erfolgreiche HBO-Fernsehserie. Fünf Frauen, fünf Formen der Unabhängigkeit und des Kampfes um sie - die Männer kennen diese Probleme nicht, sie haben immer noch ihre Modelleisenbahn. Fünfmal die Frage, was besser ist, eine miese Beziehung oder die Einsamkeit: Nicole Kidman, Reese Witherspoon, Shailene Woodley, Laura Dern, Zoe Kravitz. Ihre Verschwiegenheit um einen tödlichen Treppensturz - eines Mannes - macht sie zu Verschwörerinnen. In der zweiten Staffel, die diese Woche erscheinen wird, kommt die Mutter des Toten in die Stadt, Meryl Streep, eine weitere Einsamkeit. (Sie ist Ende des Monats neben Laura Dern auch in "Little Women" zu sehen, dem neuen, mehrfach oscarnominierten Film von Greta Gerwig.) Regie führt Andrea Arnold, die in "Fish Tank" und "American Honey" die Sackgassen der Träume der Jugend erforscht hatte. (Warner)

Auch Jerry Lewis geht ans Meer in The Big Mouth, 1967 (Koch Films). Er ist ein kleiner Bankangestellter, der Angelurlaub an der Küste macht. Probleme tauchen auf mit - so der deutsche Titel - einem Froschmann an der Angel. Lewis' Filme brauchen keine Geschichten, sie dokumentieren die Strömungen und Stimmungen und Farben Amerikas, die in den Sechzigerjahren besonders schreiend waren. Am Ende flüchtet er, mit kreideweißem Gesicht, in eine japanische Tanztruppe. Kabuki mit Turnschuhen!

© SZ vom 20.01.2020
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