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Mediaplayer:Schatz, denk an die Milch

Subversives Gegenprogramm zum Blockbuster: Daniel Radcliffe, der als Harry Potter weltberühmt wurde, spielt im Drogenthriller "Der Kurier" eine Rolle mit Einschränkungen. Fast den ganzen Film über sitzt er im Cockpit einer Propellermaschine.

Jeder erfolgreiche Schauspieler findet seinen eigenen Weg, mit dem Ruhm umzugehen. Manche machen einfach so weiter wie gehabt, bis sie irgendwann keinen Erfolg mehr haben. Johnny Depp zum Beispiel. Andere nutzen die finanziellen Freiheiten und ihren Einfluss für künstlerische Projekte. David Duchovny ist so ein Fall. Er schreibt neben der Arbeit vor der Kamera ganz brauchbare Romane und geht mit seiner Country-Band auf Tour.

Daniel Radcliffe, der als Harry Potter in den Verfilmungen der Buchreihe von J. K. Rowling weltberühmt geworden ist, fällt eher in diese engagierte Kategorie, allerdings mit dem Unterschied, dass er die Möglichkeiten des erfolgreichen Filmstars noch ein Stück weiter gedacht zu haben scheint, wenn auch in eine unerwartete Richtung. Denn die Auswahl seiner Filmprojekte seit dem Ende der "Harry-Potter"-Reihe liest sich wie das subversive Gegenprogramm zur Blockbusterschule, durch die er als Zauberlehrling gehen musste. Als habe er den Abschluss in der Tasche und könne jetzt mit Freibrief und gutem Gewissem Punker werden. Der junge Anwalt, den er 2012 in dem Gruselfilm "Die Frau in Schwarz" spielte, war zugegebenermaßen noch eher brav, aber seitdem war er schon der Beat-Poet Allen Ginsberg, ein verdeckter Ermittler unter amerikanischen Neonazis und ein junger Mann, dem nach dem Tod seiner Freundin Hörner aus der Stirn zu wachsen beginnen. Alles in eher kleineren und unabhängigen, oft etwas trashigen Produktionen. Den Blockbusterzirkus mit ihren Budgets von Hunderten Millionen Dollar scheint er inzwischen demonstrativ zu meiden.

Der Höhepunkt dieses bizarren Harry-Potter-Nachlebens bestand bisher in dem Film "Swiss Army Man". Radcliffe spielt darin einen Toten mit hartnäckigen Blähungen, der auf einer einsamen Insel angespült wird und von einem Schiffbrüchigen fortan für allerlei Tätigkeiten, unter anderem als Floß und als Wasserspender benutzt wird. Die Darstellung dieser Leiche ist eine klare Arbeitsverweigerung als Filmstar mit gleichzeitigem Anspruch auf Künstlerstatus.

In seinem neuen Film "Der Kurier", der, wie es sich für eine anständige Underground-Produktion gehört, auch nur auf DVD erscheint, setzt sich Radcliffe wieder selbstauferlegten Einschränkungen aus: Fast den ganzen Film über spielt er, von ein paar kurzen Rückblenden und den letzten Minuten abgesehen, im Cockpit einer kleinen Propellermaschine sitzend. Der ehemalige Air-Force-Pilot Sean versucht, eine große Ladung Drogen aus Mexiko auf dem Luftweg in die USA zu schmuggeln. Weil seine Frau Jen schon ein Kind verloren hat und außerdem schwer krank ist, möchte er so die Therapie finanzieren. Das Geld aus diesem Auftrag scheint aber nicht auszureichen, weshalb er auch noch einen Deal mit einem Bekannten bei den Sicherheitsbehörden eingefädelt hat, dem er einen Laptop mit irgendwelchen geheimen Drogenkartelldaten überbringen möchte. Natürlich ohne dass das Kartell davon etwas mitbekommt. Jen, die von alldem nichts weiß, ruft ständig auf Seans Handy an, während draußen die Drohnen und Hubschrauber der amerikanischen Grenzpolizei umherschwirren, und fragt, wo er denn bleibt und ob er auch an die Milch denkt. Die mit einem Prozent Fett, bitte. Im Kontext der letzten Filme mit Radcliffe verwischen in manchen Fällen die Grenzen zwischen schlechten Drehbüchern und subversiver Ironie.

Den traumatisierten Ehemann nimmt man Daniel Radcliffe nicht so ganz ab, selbst wenn er in nur im Zwielicht des wackligen Cockpits spielen muss. Und wie er die erste Stunde des Films mit den Anrufe von Jen, Kartellkillern und korrupten Grenzbeamten jongliert, ist natürlich völlig konstruiert, funktioniert mit Sean als Knotenpunkt dieser Konflikte dann aber doch. Die Waghalsigkeit, mit der sich Radcliffe in solche eigentlich unmöglichen Rollen stürzt, ist ansteckend. Auch Grace Gummer spielt die leidende Ehefrau mit großem Einsatz. Trotz einiger Logikluftlöcher und waghalsiger Plotmanöver ist man am Ende ganz bei den beiden. Und wünscht sich weitere Filmexperimente mit Daniel Radcliffe.

Der Kurier ist als DVD und Blu-ray sowie als Video on Demand erhältlich.

© SZ vom 14.05.2018

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