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Mediaplayer:Puppentheater

Das große Umverteilen: Claude Chabrol über den "Frauenmörder von Paris", Rolf Thiele führt Nadja Tiller ins "Labyrinth der Leidenschaften, und Marlon Brando spielt einen Kampfpiloten, der sich in Japan pennäler- und ein wenig rüpelhaft verliebt.

Von Fritz Göttler

Ein Film vom großen Umverteilen, im Ersten Weltkrieg und gleich danach. Wohnungen werden aufgelöst, das Mobiliar ausgeräumt. Die Moral ist unterminiert. Frauen hocken plötzlich, nach dem Tod ihrer Männer im Feld, alleine da, mit dem Vermögen der Toten. Der Gebrauchtwarenhändler Landru kann Abhilfe schaffen. Er holt die Möbel ab und knüpft Beziehungen zu den Frauen, nimmt sie mit in sein Haus auf dem Land. Schwarzer Rauch steigt aus dem Kamin, wenn er, nachdem sie ihm ihr Geld übereignet haben, ihre Leichen verbrennt. Ein schrecklicher Gestank, der die Nachbarn enerviert. Claude Chabrol filmt das ungeheuer diskret, in wohlbalancierten Tableaus, in Landru, der Frauenmörder von Paris, wie im Puppentheater. Mit Danielle Darrieux, Catherine Rouvel, Hildegard Knef, Stéphane Audran und vielen anderen. Charles Denner gibt den Landru, mit Glatze und Bart und diskret kleinbürgerlichem Charme. Einmal zitiert er im Bett Baudelaire: "Mein Kind, meine Schwester, denk an die Süße, dorthin aufzubrechen, gemeinsam lieben, in aller Freiheit, lieben und sterben." Baudelaire, seufzt die Frau neben ihm, dieses Monster, meine Wirtin war bei seinem Prozess. Drehbuch und Dialoge sind von Françoise Sagan. (Pidax)

Das DVD- und Bluray-Angebot ist in diesen Tagen, feststimmungsbedingt, von großer Opulenz. Cinemascope, Technicolor, große Gesten, spektakuläre Revuen. In Sayonara, 1957, von Joshua Logan, nach dem Roman von James Michener, ist Marlon Brando ein Kampfpilot im Koreakrieg, der nach Kōbe in Japan beordert wird, vom Vater seiner künftigen Frau. Die jugendliche Rebellion, durch die Brando und seine Generation berühmt wurden, ist hier ganz ins Militärische verlegt. Ein offen regulierter Rassismus, Fraternisierung ist untersagt, aber dann verliebt sich Brando, teenager- und ein wenig rüpelhaft, in eine Tänzerin der Matsubayashi Girls (Miiko Taka). Der Film bringt auf somnambule Weise das japanische Bunraku-Theater zusammen mit dem amerikanischen Method Acting, zwei der großen Formen des Manierismus. (MGM)

Ebenfalls vom Ende der Fünfziger: Labyrinth der Leidenschaften, von Rolf Thiele. Ein Sanatorium für die Leiden der Nachkriegszeit, Sinnleere, Nymphomanie, Einsamkeit. Auch Nadja Tiller wird hier untergebracht, deren Rollen im deutschen Kino aufregend oszillieren zwischen Grande Dame und nuttig. Thiele ist der große Moralist des deutschen Kinos, ein manieristischer Moralist. Tiller ist die Schriftstellerin Georgia und sie hat ein Alkoholproblem. Zwei Männer, Peter van Eyck und Amedeo Nazzari, kümmern sich intensiv um sie. Einmal blättert ein Arzt in einem Gedichtband von ihr und liest vor: Gegenwart und Vergangenheit sind vielleicht in der Zukunft enthalten ... Ist aber jegliche Zeit stets Gegenwart, wird alle Zeit unwiederrufbar. Das ist freilich nicht von Georgia selbst, sondern eine der berühmtesten Passagen von T.S. Eliot, sie hat es als Motto gewählt. Eine der Techniken, die in der Heilanstalt praktiziert werden, ist die Psychogymnastik, die zeigt in Vollendung Harald Kreutzberg, der große Ausdruckstänzer der Zwanziger. (Concorde)

Der alltägliche Rassismus, durchgespielt mit den Mitteln der Fernseh-Soap: Tel Aviv on Fire, von Sameh Zoabi. Tel Aviv on Fire ist eine erfolgreiche Show, die Israelis wie Palästinenser gleichermaßen fasziniert. Ihr junger Drehbuchschreiber kriegt beim täglichen Grenzübertritt ins Westjordanland plötzlich ungewollt einen weiteren Mitarbeiter - den dortigen israelischen Hauptmann. Um den künftigen Erfolg zu garantieren, müssen nun ein paar wichtige Fragen diskutiert werden:

Soll es mit einem Bombenanschlag enden oder mit Hochzeit, wo deponiert ein israelischer Offizier seine Unterlagen, was sind die Früchte der Liebe ... (al!ve)

Rache made in Hollywood: Abrechnung in Shanghai/The Shanghai Gesture, 1941, einer der letzten Filme Josef von Sternbergs in den USA. Inszenierung ist alles bei ihm, hier in einem veritablen Labyrinth der Leidenschaft, einer gewaltigen Spielhöhle - kein Casino, sondern eine Art Fabrik, in der unaufhörlich große Menschenmassen bewegt werden rund um das kleine Rouletterad im Mittelpunkt. Der dubiose Ägypter Omar kommt Nacht für Nacht hierher, ein Arzt (Victor Mature), und die junge Amerikanerin Poppy (Gene Tierney, in einer quälend trotzigen Rolle). Das Casino gehört Mother Gin Sling (Ona Munson), deren elaboriertes Kopfgesteck ganz bedrohlich wirkt. Sie will Rache, für den weißen Kolonialismus und Rassismus. Ein Kuli fragt uns zum Schluss: Und, gefällt euch das chinesische Neujahrsfest? (Schroeder Media)

© SZ vom 09.12.2019
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