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Mediaplayer:Pro Schmerz nur eine Träne

Filmstill

Johnny Depp in "The Professor".

(Foto: Leonine Distribution)

"The Professor" und "Cry-Baby": Ein neuer und ein alter Film mit Johnny Depp.

Von Fritz Göttler

Ich muss euch was sagen, erklärt die Tochter am Familientisch, beim Abendessen: Sie sei lesbisch, habe eine Freundin. Der Vater findet's gut, die Mutter mag es nicht glauben. Dann ist die Mutter dran. Ich habe eine Affäre, sagt sie, mit Henry, das ist der Rektor der Universität, an der ihr Mann Richard lehrt. Veronica, das ist Revolution, erwidert Richard, bist du nicht ganz bei Trost, ein bisschen Geschmack könntest du schon bei deiner Untreue entwickeln. Was diesen Geschmack angeht, gibt es später eine enthüllende Szene mit einer Skulptur, die sie als Künstlerin gestaltet und verkauft hat.

Eigentlich hätte auch Richard was erklären wollen, er hat Lungenkrebs, unheilbar, ein halbes Jahr hat der Arzt ihm noch gegeben. An diesem Abend wird er erst mal nichts davon sagen ...

Es ist eine Diagnose, die einen zum Underdog macht, die Regeln der Gesellschaft haben plötzlich eine ganz andere Wertigkeit. Die Absurditäten und Verrücktheiten, die manche Bucket-List-Filme lustvoll zelebrieren - Filme darüber, was man unbedingt machen sollte, wenn man den Tod vor Augen hat (zuletzt in dem französischen "Das Beste kommt noch" mit Fabrice Luchini und Patrick Bruel), fallen in "The Professor" von Wayne Roberts eher moderat, melancholisch, fast sophisticated aus.

Johnny Depp ist Richard, er lehrt Literatur in einem neuenglischen Städtchen, schaut cool aus in seinem dunklen Anzug und grauen Hemd, und mit seiner Johnny-Depp-Stirnlocke. Er ist etwas langsam in seinen Reaktionen, als sei er nie ganz bei der Sache. Aber er würde gern - ein verunsicherter Erlöser - noch möglichst viele Leute mitnehmen auf seinem letzten Trip ins pralle Leben.

Dem todkranken Professor kann Moral ziemlich egal sein

Der Film ist von 2018, war bei uns nicht im Kino und ist nun auf DVD herausgekommen (Leonine). Gleichzeitig erscheint ein früher Johnny Depp auf Bluray, "Cry-Baby", 1990, von John Waters (Studio Hamburg). Ein fröhlicher Jugend-Gang-Film in der James-Dean-Tradition der Fünfziger, von einem, der lernen muss, wie man richtig weinen kann, er schafft immer nur eine singuläre Träne pro Schmerz. Johnny Depp erscheint in Lederjacke, naiv und rein, die Tolle noch ganz pomadig.

Im Juli tauchte Johnny Depp, zusammen mit seiner Exfrau Amber Dean, immer wieder in den Zeitungen auf wegen der schmutzigen Wäsche, die in dem Prozess in London gewaschen wurde, den er gegen die Zeitung The Sun führte. Sie hatte ihn einen "women beater" genannt.

Dem todkranken Professor kann Moral ziemlich egal sein, also mustert er gleich mal seine Klasse aus, schickt die verlogen-spießigen Studenten nach Hause - diese feine Neuengland-Züchtung, schöne Mutter, reicher Vater, kalte Winter. Die wenigen, die bleiben und bereit sind, sich dem Leben zu stellen, nehmen ihn in ihre Mitte. Richard gönnt sich viel Alkohol und jede Menge Marihuana und lässt sich einen blasen. Feministische Literaturkritik kontert er mit "Moby-Dick". Das Sterben ist in diesem Film eine Sache der Manierismen.

"Cry-Baby" hat seinerzeit die Kritiker enttäuscht, weil der Provokateur John Waters sich ans kommerzielle Kino angepasst habe und nicht mehr so eklig schöne koprophagische Sachen mache wie in "Desperate Living" und "Female Trouble" mit Divine. Nun reiht er Song an Song, mal soft, mal rockig, auch hier spielt der Tod eine groteske Rolle, die Eltern des Jungen sind auf dem elektrischen Stuhl gestorben, die des Mädchens haben, damit die Tochter auf keinen Fall Vollwaise wird, getrennte Flüge genommen - und dann sind beide Flieger abgestürzt.

John Waters liebt die Spießigkeit seiner Heimatstadt Baltimore, und Hässlichkeit ist bei ihm immer ein Zeichen von Vitalität. Die fürchterlichen Eltern der verdorbenen Kids hat er unter anderem besetzt mit: Joe Dallesandro aus den Warhol-Filmen, Patricia Hearst, die von Terroristen entführt worden war, Mink Stole, die in allen seinen Filmen dabei ist, und Troy Donahue, dem jugendlich blonden Helden in den tollen späten Filmen von Delmer Daves.

Einmal muss Johnny Depp in den Knast, und der Gefängniswärter dort - Willem Dafoe! - ordnet vor dem Zubettgehen an, die Häftlinge sollten alle möglichen Leute ins Nachtgebet einschließen, den Präsidenten Eisenhower, Donald Duck, Richard Nixon ... Jede Komödie, sagte John Waters neulich in einem Interview der Cahiers du Cinema, ist politisch. Auf der Bühne, wo die jugendlichen Rebellen auftreten, prangt breit die Südstaatenflagge.

© SZ vom 03.08.2020

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