Mediaplayer Momo und seine Brüder

Auch dabei im Film "Familiye": der Rapper Xatar.

(Foto: Koryphäen Filmverleih)

Die Regisseure des tollen Gangsterdramas "Familiye" haben als Sozialarbeiter und Personenschützer gearbeitet. Für den Dreh haben sie ihren Berliner Kiez zusammengetrommelt.

Von Philipp Bovermann

Wenn ein Film das Etikett "Milieustudie" erhält, hängt oft das Adjektiv "sensibel" davor, so als schneide da ein Herr Doktor eine fremde Welt auf und schaue sich das mal an, aber ganz behutsam. Wilder und interessanter, nämlich anders herum, ist es bei "Familiye" gelaufen. Da haben Menschen eines "Milieus" beschlossen, einfach mal zurückzufilmen und ihr Leben zu erzählen - in Form einer knallharten Gangsterstory mit einem überraschend weichen Kern und großartigen Qualitäten.

Die Hauptrolle spielt der Lynarkiez in Berlin-Spandau. Hier gibt es nicht viel, außer billige Backshops und davor Kapuzenträger mit Picaldi-Jacken. Die einzige Farbe im Viertel, so scheint es, kommt aus den piependen, blinkenden Spielautomaten, was man sich aber vorstellen muss, denn der Film ist in Schwarzweiß gedreht. "Bei uns im Viertel wird immer gezockt", erklärt die Stimme eines Jungen aus dem Off. Das Geld, das die Leute nicht haben, verfüttern sie an die Automaten.

Vor einem davon hängt Miko, ein junger Mann in Jogginghosen. Er plärrt rum, wo seine Cola bleibt, als wäre er der Big Boss. Dabei gehört die Kohle, die er verzockt, seinem großen Bruder Danyal. Der ist gerade aus der Haft entlassen und zurück im Kiez. Dort begrüßt er alle Männer mit Küsschen, lässt sich erst mal ordentlich rasieren. Er ist ein Bulle von einem Mann, aber auf sein Wort und seine Barthygiene kann man sich verlassen. Der Dritte im Bunde ist ihr Bruder Muhammed, genannt "Momo", der mit dem Down-Syndrom geboren wurde.

In dieser Geschichte "nach wahren Begebenheiten" erzählt der Regisseur Sedak Kirtan von sich selbst und seinen beiden Brüdern - und zwar so direkt wie nur möglich. Muhammed und Danyal Kirtan sollten sich vor der Kamera sogar selbst spielen - das klappte aber nur bei Muhammed, Danyal war während des Drehs tatsächlich im Knast. Seine Rolle hat nun der zweite Regisseur Kubilay Sarikaya übernommen. Der Star des Trios aber ist Muhammed alias Momo. Sobald er im Bild ist, geht die Sonne auf. Was er brabbelt, das versteht man zwar nicht, aber er ist über seine Mimik so tief drin im Geschehen, dass man es auch gar nicht muss. Trotz seiner gewaltigen Leibesfülle strahlt er eine entwaffnende Grazie aus - jene schwerelose Mischung aus Spiel und heiligem Ernst, die sich künstlich eigentlich nicht erzeugen lässt. Arnel Taci, der im Film die Rolle des Miko übernommen hat, erzählt am Telefon begeistert, Momo habe beim Dreh den Mafiaboss aus "Der Pate" gespielt. Er war also buchstäblich in seinem eigenen Film.

Die schönste Szene ist die, in der die drei Brüder auf dem Bett sitzen und einen Charlie Chaplin-Film gucken. "Meinst du, es klappt noch wie früher?", fragt Danyal. Dann beginnen die beiden, Momos Rücken zu streicheln. Der schaut sich um, erst skeptisch, dann werden seine Augen plötzlich kleiner, er schmatzt, kuschelt sich in die Decke - und ist eingeschlafen. Ganz real beim Dreh vor der Kamera.

Dass sich Muhammed Kirtan am Set so wohl fühlte, ging nur, weil "Familiye" hält, was der Titel verspricht: Es ist im Grunde ein Familienfilm, das Werk einer Filmfamilie. Die meisten am Set sind Laien, alte Freunde und Bekannte der Regisseure aus ihrem Kiez. Die beiden kennen die Leute, die sie im Film "Bruder" nennen. Sie beiden haben als Sozialarbeiter und Personenschützer gearbeitet. Sie sind also keine gepamperten Filmschul-Absolventen, die einen auf authentisch machen, auf nah dran am Schmutz, was ja die deutschen Filmförder-Gremien so sehr lieben, solange es nur alles ordentlich tragisch ist, denn "Verbrechen lohnt sich nicht" soll ja die Botschaft sein.

Für ein ordentliches Sozialdrama ist "Familiye" hingegen zu gutmütig, zu nachsichtig mit sich selbst und seinen Figuren. Die widrigen sozialen Umstände haben die Frechheit, ihnen nicht durchgehend aufs Gemüt zu schlagen - auch wenn sie, um zu überleben, die unter den Dielen im Wohnzimmer versteckte Knarre ausgraben müssen. Dafür gab es keinen Cent Filmförderung. Das Leben ist ungerecht, das Leben ist hart. Aber die Brüder haben ja sich. Man könnte das eine Botschaft nennen. Man könnte es aber auch Familie nennen.

Familiye ist auf DVD und Blu-ray erschienen (ab 15,99 Euro).