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Mediaplayer:Mörder, Mutter, Mistkerl

Bilder zur Online-Retrospektive des koreanischen Filmemachers Bong Joon-ho beim Streamingportal Filmingo im Juni 2020; © Filmingo

Bilder zur Online-Retrospektive des koreanischen Filmemachers Bong Joon-ho beim Streamingportal Filmingo im Juni 2020; © Filmingo

(Foto: Filmingo)

Zwei wegweisende Filme, die der koreanische Regisseur Bong Joon-Ho gedreht hat, bevor er für "Parasite" seine Oscars bekam, sind jetzt bei dem Streaming-Dienst Filmingo zu sehen.

Von Fritz Göttler

Es ist ein nasser Arbeitsplatz, den der Polizist Park ausgesucht hat, stundenlang liegt er in einem Wasserbecken in einer Sauna, hält Ausschau nach einem Mann ohne Körperbehaarung, was man auf eine sehr natürliche Weise tun kann an diesem Ort und in dieser Position, von unten. Der gesuchte Mann wäre ein Verdächtiger in einem Mordfall, Park und seine Kollegen jagen nach einem Serienmörder, der junge Frauen fesselt, vergewaltigt und tötet. Nach dem Dienst im Becken hat Park erst mal ein gestörtes Verhältnis zum Duschen und zum Wasser. Der Mörder dagegen, das stellt sich im Lauf der Ermittlungen heraus, lässt vom Regen sich inspirieren und er bestellt sich, um in Stimmung zu kommen, beim lokalen Radiosender immer ein Lied.

Zwei Querschnitte durch die koreanische Gesellschaft, die schon auf den Erfolgsfilm "Parasite" verweisen

"Memories of Murder", 2003, war der erste große, auch internationale Erfolg des südkoreanischen Filmemachers Bong Joon-Ho, der Film ist derzeit mit einem weiteren Bong-Film, "Mother" von 2009, beim Streamingdienst Filmingo zu sehen. Zwei ungemein genaue Querschnitte der koreanischen Gesellschaft, die mit spielerischer Konsequenz bereits auf "Parasite" weisen, den Film, mit dem Bong voriges Jahr in Cannes und dann bei den Oscars dieses Jahr triumphierte. Den Detektiv Park verkörpert Song Kang-ho, Bongs Lieblingsakteur, der in "Parasite" den Proll-Papa gibt. "Memories of Murder" spielt in den Jahren 1986 bis 1991, er greift Fakten und Momente einer tatsächlichen Mordserie auf, die sich in der Stadt Hwaseong ereignete. Der Detektiv Park hält sich zugute, er könne mit seinem starken Blick die Menschen durchschauen, dem fixierenden Blick des Detektivs, des Kinos. Ansonsten sind Parks Ermittlungsmethoden eher provinziell: Spuren im Schlamm werden zertrampelt, gern sucht man sich geistesschwache Menschen als Verdächtige aus, prügelt mit Vorliebe Geständnisse aus ihnen heraus. Auch Wahrsagerei wird für die Aufklärung in Betracht gezogen. Ein Kollege aus Seoul taucht an der Seite von Park auf. Das Land ist im Umbruch, steht am Übergang zur Demokratie, der kapitalistische Aufschwung ist schon da. Die neuen politischen Formen werden geprobt, aber die Mentalitätsreste der Diktatur wirken weiter. Law & order muss Tag für Tag fabriziert werden, eine Arbeit, die Kreativität erfordert und Fantasie.

Auch in "Mother" ist das noch so, wieder sind (über)eifrige Ermittler am Werk, inzwischen aber guckt man auch in Korea CSI, die amerikanischen Polizeiserie. Auch hier ist ein Mädchen umgebracht worden, und ein Junge, auch er zurückgeblieben, wird verdächtigt und eingelocht. "Hast du schon mal mit einer Frau geschlafen", fragte ihn sein Freund. Der arme Junge wurde, als er dem Mädchen folgte, angezogen von einem schwarzen Loch. Wenn die Polizisten den Tathergang rekonstruieren, machen sie eine lächerliche Show draus für das ganze Dorf.

Der echte Mörder hatte am Ende seine ganz eigene Meinung zu Bongs Darstellung der Dinge

Zu seinen Top Ten der Kinogeschichte zählte Bong bei einer Umfrage 2002 unter anderen den Serienkillerfilm "Vengeance is Mine", 1979, von Shōhei Imamura, den Mutter-Mörder-Film "Psycho" von Hitchcock und "Touch of Evil", in dem Orson Welles das dubiose Miteinander von Kriminellen und Ermittlern skizzierte. Bong nutzt die Faszination für Filmgeschichte, um den Blick zu schärfen auf die soziale Wirklichkeit der Gesellschaft. Die Mutter des verdächtigten Jungen helikoptert auf enervierende, hysterische Weise, sie betreibt ein schamanisches Gewerbe, mixt und verteilt Heilmittel und praktiziert Akupunktur, ohne offizielle Genehmigung. Die Scharlatane als Produktivkräfte einer jungen Gesellschaft, das wird dann in "Parasite" triumphal kulminieren.

Bongs Kino lebt vom unaufhörlichen Wechsel der Perspektiven, von Blicken, die sich gegenseitig auseinandernehmen und aufheben. Im Oktober 2019 wurde der lang gesuchte Mörder der "Memories of Murder" durch eine DNA-Analyse doch noch überführt. Bong hätte gern mit ihm gesprochen. In einem Interview mit einem Zellengenossen des Killers las er, die beiden hätten sich seinen Film im Fernsehen etwa dreimal angeschaut, und jedes Mal hätte der Killer in Richtung Mattscheibe dabei gebrüllt 'Dieser Mistkerl' ...

"Memories of Murder" und "Mother" sind gerade bei filmingo zu sehen.

© SZ vom 22.06.2020

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