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Mediaplayer:Melancholischer als Godard

Filmstills Retrospektive des Regisseurs Jacques Becker beim Streamingportal Mubi im Mai 2020

Gérard Philipe und Anouk Aimée in „Die Verliebten von Montparnasse“.

(Foto: Mubi)

Der Streamingdienst Mubi zeigt zwei Klassiker des großen Regisseurs Jacques Becker.

Von Fritz Göttler

Ein Mann, der den Regen liebt. Modi ist ganz heiter, als es überraschend einen kleinen Schauer gibt, er begleitet gerade Jeanne nach Hause, die Frau, in die er sich verliebt hat, und sie legt ihm fürsorglich ihren Schal um. Wie subtil und zärtlich Jacques Becker den Regen filmt - in einer hinreißenden Einstellung überquert Jeanne die Straße zu dem Haus, wo sie wohnt, den Schirm hat sie nun zugeklappt, und Modi schaut ihr lange nach.

Anouk Aimée ist Jeanne, Gérard Philipe ist Modi, in Jacques Beckers "Montparnasse 19", auch "Die Verliebten von Montparnasse betitelt", von 1958. Amedeo Modigliani, der Maler, der die Arbeiter im Viertel malt und seine Skizzen in den Cafés zu verkaufen versucht, für fünf Francs das Stück, keiner will eins, aber die reichen Frauen wollen ihn, Lilli Palmer zum Beispiel, die mit einer langen Zigarettenspitze hantiert und Modi am Tresen Whisky holt.

Nun steht Modi auf dem Programm von Mubi, dem etwas anderen Streamingdienst (ab 20. Mai), dazu bereits jetzt ein weiterer Film von Becker, "Antoine und Antoinette", 1947, sein erster Nachkriegsfilm, und man hat die Chance, diesen großen Unbekannten des französischen Kinos kennenzulernen, der tiefgründiger ist als Cocteau, bodenständiger als Renoir, melancholischer als Godard.

Becker war in den Zwanzigern nach Amerika gekommen, er hatte dort die jungen Jazzer getroffen

Von Filmen träumte Becker, die sich nicht mit der Notwendigkeit abmühen müssten, durch eine Intrige zu fesseln, sondern jenseits der Intrige, trotz der Intrige. Antoine und Antoinette sind ein junges Paar, und der Film zeigt in Hunderten Einstellungen, wie sie arbeiten und leben, Fabriken, Kaufhäuser, Apartments, eine Topografie der Begierden, Enttäuschungen, Illusionen der Nachkriegsjahre.

Der Modigliani-Film war ursprünglich ein Projekt von Max Ophüls, er wollte ihn nach dem Desaster um "Lola Montez" machen, ist aber dann 1957 gestorben. Becker übernahm einige Mitarbeiter aus der Lola-Crew. Den Schnitt besorgte, wie auch bei "Antoine und Antoinette", Marguerite Renoir, einst Lebensgefährtin Renoirs. Ophüls und Becker, beide Anfang des Jahrhunderts geboren, beide in ihren Fünfzigern gestorben. Wie Ophüls ist Becker an den Zentrifugalkräften des Kinos interessiert, daran, was an den Rändern der Bilder passiert oder jenseits davon. Sein Kino ist durch und durch französisch, er hat das Klein- und das Großbürgertum gefilmt, Jahrhundertwende und -mitte, und überall ist der Traum vom amerikanischen Kino zu spüren. Er war der Held der Nouvelle Vague, d'Artagnan und Arsène Lupin sah Godard in ihm, und Truffaut schrieb 1961, ein Jahr nach Beckers Tod: "Er hat sein eigenes Tempo erfunden. Er liebte Geschwindigkeit in Autos, ausgedehnte Mahlzeiten, er drehte Zweistundenfilme über Fünfzehnminutenthemen, und er führte stundenlange Telefongespräche. Er war gewissenhaft und überlegt, von einer unendlichen Feinfühligkeit, er filmte gern mit großer Genauigkeit unerhebliche Dinge, ein Lotterielos oder eine verlegte Weste ..."

Becker war in den Zwanzigern nach Amerika gekommen, er hatte dort die jungen Jazzer getroffen, Ellington und Armstrong, aber auch King Vidor, der wollte, dass er in seinen Filmen spielte. Aber Becker kehrte zurück nach Frankreich, war bei Jean Renoir in den Dreissigern Regieassistent, hat in einigen Filmen auch mitgespielt.

Für Modigliani war das Jahr 1919 das letzte seines Lebens. Es ist ein Film zwischen den Weltkriegen, sagt Becker, daher unbedingt in Schwarz-Weiß. Und wegen der Gemälde, damit nicht Modiglianis Farben den Ton angeben könnten. Die Kunst, die sich immer in einem Niemandsland bewegt, an der Grenze zur Prostitution.

Becker konnte nach "Die Verliebten von Montparnasse" noch einen Film drehen, "Le Trou / Das Loch", fünf Männer in einer Gefängniszelle, ein Meisterwerk, Kino pur. Er starb an einer seltenen Erbkrankheit, sein Körper produzierte zu viel Eisen, das lagerte sich in seinen Organen ab, zerstörte sie. "Zuletzt", schrieb Truffaut, "war sein hinreißendes Gesicht stahlgrau geworden, genau gesagt von der Autofarbe, die man Metall nennt."

Antoine und Antoinette (ab sofort) und Die Verliebten von Montparnasse (ab 20. Mai) sind auf mubi.com verfügbar.

© SZ vom 11.05.2020

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