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Mediaplayer:Liebe und andere Unfälle

MALINA Deutschland Österreich 1991 Regie Werner Schroeter Literaturverfilmung nach dem Roman von

Im Feuersturm: Isabelle Huppert in „Malina“

(Foto: imago images / United Archives)

Von "Malina" bis "Die Schönheit des Universums": Warum das Wichtigste oft mit einer Karambolage anfängt.

Von Sofia Glasl

Liebe beginnt oft mit einer Karambolage. Als Beinahe-Unfall inszeniert Werner Schroeter in seiner 1991 entstandenen Verfilmung von Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" das Aufeinandertreffen der namenlosen Schriftstellerin mit dem schönen Ivan. Sie ist ihm auf den ersten Blick verfallen, läuft ihm auf die Straße nach, die beiden landen zwischen zwei Autospuren und werden, halb Tanz, halb Taumel, über die Fahrbahn gewirbelt.

Schroeter, der neben Fassbinder und Herzog das junge deutsche Kino mitprägte, hatte keine Angst vor dem Melodram, sondern umarmte die große Geste mit Nonchalance. Tragik und Pathos lösten bei ihm Logik und Psychologisierungen ab, weshalb die Schriftstellerin zwar gedankenversunken "Malina. Animal. Animus. Anima." auf einen Zettel kritzelt, die von Liebhabern und dem übergriffigen Vater ausgelöste Identitätskrise jedoch mit opernhafter Hingabe zelebriert. Isabelle Huppert weint und schwitzt sich mit körperlicher Inbrunst durch diesen Nervenzusammenbruch und geht in Schroeters visuellem Feuersturm in Flammen auf. "Malina" ist einer der wenigen radikal visuellen Filme über das Schriftstellerdasein. Er entzieht sich der Ordnung des klassischen Erzählkinos und spiegelt die Lähmung, die seine Hauptfigur angesichts jeder Sprachlogik empfindet. "Ich glaube, dass ich im Spiegel erst entstehe", keucht sie und Elfi Mikeschs betörende Kamera lässt diese Frau in immer kniffliger werdenden Spiegelsequenzen langsam zersplittern.

"Malina" ist den Frauen verschrieben - Bachmann, Huppert, Mikesch. Elfriede Jelinek schrieb das Drehbuch. Der Streaminganbieter MUBI zeigt den oft übersehenen Film nun in der Reihe "Wiederentdeckt". Neben Länderschwerpunkten und Retrospektiven gibt es auch Themenarbeiten wie etwa "Frauen hinter der Kamera".

Chantal Akerman, bekannt für ihre semidokumentarischen Filmessays, nimmt sich in einer ihrer wenigen fiktionalen Arbeiten Joseph Conrads ersten Roman "Almayer's Folly" vor. Es geht aber nicht um eine Verfilmung. Akerman reflektiert in dem 2011 wenige Jahre vor ihrem Tod entstandenen Film über den Zusammenhang von Identität, Kolonialismus, Hautfarbe und Bildung. Sie folgt dem in Malaysia gestrandeten Kolonialisten Almayer, der vergeblich darauf hofft, eine Goldmine zu finden und sich in seinem eigenen dschungelhaften Gemüts- und Geisteszustand verirrt.

Sein Beharren auf Hoffnung wird zur hilflosen Kompromisslosigkeit und reißt auch seine Tochter Nina in eine Abwärtsspirale. Gleich in der ersten Szene des Films macht Akerman deren Hoffnung auf die Liebe als Ausweg zunichte, wenn sie mit ihrer Kamera einem Mann langsam in einen Club folgt, auf die Karaoke-Bühne und einen Dean Martin schmetternden Sänger zu. Er wird vor den Augen des Publikums erstochen und seine Backgroundtänzerinnen laufen hysterisch davon - bis auf eine, Nina, die nach vorne ins Rampenlicht tritt und Mozarts "Ave Verum Corpus" anstimmt, bis ihr jemand sagt: "Daïn ist tot, Nina." Die beiden waren ein Paar, in Akermans Film ist das Melodram gleich anfangs ein Splitter-Unfall.

Wo Akerman intellektuelle Zustände atmosphärisch visualisiert, verfolgt die Schwedin Lisa Langseth in ihrem Debüt "Die innere Schönheit des Universums" (2011) eine formal wie emotional zurückgenommene Strategie. In dem Drama zieht die diffuse Sehnsucht nach Verwurzelung eine junge Frau aus Göteborgs sozial schwachem Viertel zur Musik und in die Welt eines gefeierten Konzerthauses - Mozart ist auch hier der Trigger. "Mut ist das einzige Maß im Leben", zitiert der Dirigent Kierkegaard, um sie plump zu verführen, im wörtlichen wie übertragenen Sinne. In ihrer ersten großen Rolle lässt Alicia Vikander die Hoffnung dieser Frau immer wieder in brachialen Momenten mit der Realität kollidieren und wandelt dabei mit genau diesem Mut auf dem Terrain, wo Verletzlichkeit immer wieder in ziellose Gewalt umschlägt.

"Malina", "Almayer's Folly" und "Die Schönheit des Universums" sind auf www.mubi.com verfügbar.

© SZ vom 26.10.2020

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