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Mediaplayer:Liebe bewegt die Sonne

Schwärzester Film noir in "Rattennest" von 1955 und Kino aus einer fernen Zeit mit "Jet Generation", als München swingte.

Ein blondes Mädchen rennt eine nächtliche Straße entlang, barfuß, in einem kurzen weißen Regenmantel. Sie ist aus einer Anstalt geflohen, trägt ein schreckliches Geheimnis mit sich, vom Ende der Welt, der Büchse der Pandora. So beginnt "Kiss Me Deadly" von Robert Aldrich, 1955, der ultimative Film noir, nach dem Roman von Mickey Spillane, "Rattennest" hieß der Film in Deutschland. Mike Hammer ist ein Privatschnüffler, der vor allem schäbige Scheidungsfälle abwickelt, ein mieser Faschist, sagt Robert Aldrich. Aber seine Bösartigkeit ist infantil, und wie Ralph Meeker ihn verkörpert, bleibt am Ende nur Verstörung, Fragilität, Traurigkeit. Das Mädchen von der Straße ist nach wenigen Minuten tot, brutal gefoltert. Der Film entwickelt sich als Requiem für eine Frau, die nach einer romantischen Dichterin getauft wurde, Christina Rossetti. "Remember me", ist ihr Auftrag an Mike Hammer. Die neue Poesie der Katastrophe, das ist: Manhattan Project, Los Alamos, Trinity. Ralph Meeker hat nie den Sprung vom TV ins Kino geschafft, er lebt heute weiter in den Figuren von Quentin Tarantino, der ihn verehrt, in dem Boxer Bruce Willis in "Pulp Fiction", und Leonardo DiCaprio in "Once Upon a Time ... in Hollywood". (Koch Media)

Noch mal Film noir, einer, der sich auf abwegige Genrepfade begibt, in Technicolor: "Dangerous Mission / Blut im Schnee", 1954, von Louis King. Ein Gangster wird erschossen in einem Nachtclub in New York, eine junge Frau ist Zeugin, Piper Laurie, sie flieht in den Glacier Nationalpark, Montana. Ihr auf den Fersen ein Killer und ein FBI-Beamter. Am Drehbuch haben W. R. Burnett und Horace McCoy mitgemacht, die großen amerikanischen Hard-Boiled-Autoren. (Daredo)

Ein deutscher Dichter und seine Frau, "Requiem für eine romantische Frau", von Dagmar Knöpfel, nach einem Treatment von Hans Magnus Enzensberger. Eine überstürzte Heirat: Clemens Brentano und Auguste Bußmann (Janina Sachau und Sylvester Groth), sie ist siebzehn, hat eine verkorkste Ehe hinter sich, in Kassel, Regensburg, Landshut. Eine Fille fatale, apart und naiv, quengelig und kindisch. Entweder bist du blöd oder wahnsinnig, motzt er genervt. Auguste will die Liebe absolut, Brentano und die Männer um ihn, Achim von Arnim und die Brüder Grimm, dichten und singen lieber von ihr, und man sieht: auch die Poesie ist ein mühsamer Job. (Alamode)

Eineinhalb Jahrhunderte später diskutiert das deutsche Kino, "How girls love men of today", das ist der Untertitel des ersten Spielfilms von Eckhart Schmidt, "Jet Generation". Die Stadt der Jet Generation ist München, Ludwigstraße, Hofbräuhaus, Tierpark, Nymphenburg. Bei der Kamera hat Josef Vilsmeier mitgemacht, der vor Kurzem verstorbene Filmemacher. Dginn Moeller ist eine junge blonde Amerikanerin, die ihren Bruder sucht, Roger Fritz, einen erfolgreichen Fotografen, der Menschen manipuliert, weil er sich nicht erpressen lassen will, durch Geld oder die Liebe. Schmidt wollte ursprünglich Marianne Faithfull, aber die war nicht gut drauf. Es geht immer um die Liebe, sagt Schmidt, in all seinen Filmen und Fantasien, das kommt von Dante, dessen "Göttliche Komödie" er in der Jugend las: Die Liebe bewegt die Sonne und alle Sterne. Die Restauration des Films ist so spannend wie die eines Stummfilms. (Subkultur)

Junge Liebe in Amerika, 1957, "Motorcycle Gang / Lederjacken rechnen ab", eine AIP-Produktion. Die Frauen haben ihre Unabhängigkeit, sie sitzen nicht mehr auf dem Beifahrersitz, sondern fahren selbst ihre Maschinen. Der Regisseur Edward L. Cahn hat in den Dreißigerjahren ein paar wahnsinnig aufregende, präzise und sehr politische Filme gemacht, allerdings rutschte er nach dem Krieg ins B-Movie-Feld ab. Wenn die frustrierten Jungs am Ende ein Städtchen terrorisieren, schaut das billig und traurig und clownesk aus - wie ein Zirkusakt. (Vintage Movies Classics)

Noch mal ein Dichter und seine Frau: "Nuestro Tiempo" von Carlos Reygadas. Juan und Ester züchten Kampfstiere in Mexiko, er sammelt Preise für sein Schreiben ein in aller Welt, sie hat eine Beziehung mit einem amerikanischen Cowboy. Er meint, er käme mit der absoluten Freiheit in der Ehe zurecht, aber dann fängt er doch an, ihr Handy zu kontrollieren und nachzufragen. Er möchte herausfinden, wie weit man in der Zerstörung des Geliebten gehen kann, um es wieder aufleben zu lassen, sagt Carlos Reygadas. Er spielt selber Juan, eine schmächtige Figur unter einem großen schwarzen Hut. Die schönste Szene aber ist, wenn der Vater sich neben den Sohn ins Bett legt, der am nächsten Tag fort muss an die Universität. (Absolut Medien)

© SZ vom 02.03.2020
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