Mediaplayer Leben am Abgrund

Rosamund Pike als US-Kriegsreporterin Marie Colvin.

(Foto: Ascot Elite)

Der Spielfilm "A Private War" erzählt die Geschichte der 2012 verstorbenen US-Kriegsreporterin Marie Colvin, die von Rosamund Pike ("Gone Girl") gespielt wird.

Von Aurelie von Blazekovic

Augenklappe, gehobenes Kinn, sturer Blick in die Kamera, so wurde Marie Colvin über ihren Zeitungsartikeln abgebildet. Wenn man die Fotos von ihr heute sieht, bekommt die schon zu Lebzeiten legendäre Kriegsreporterin unweigerlich etwas Heldenhaftes. Im Februar 2012 verharrte sie als eine der letzten westlichen Journalistinnen in der umkämpften Stadt Homs in Syrien. Aus einem Haus, dessen oberes Stockwerk bereits von den Bomben zerstört war, berichtete sie per Sattelitentelefon ein letztes Mal von der Situation vor Ort. In der Fernsehschalte, übertragen auf CNN und BBC, spricht sie davon, dass die Menschen in Homs frieren und hungern, dass sie ein Baby hat sterben sehen. Und sie verteidigt, dass die Zuschauer im Westen durch sie die grausamen Bilder davon zu sehen bekommen. "Das ist die Realität. 28 000 Zivilisten, Männer, Frauen, Kinder verstecken sich hier wehrlos und werden bombardiert." Bei einem Luftangriff am nächsten Tag starb Marie Colvin, mit ihr der französische Fotograf Rémi Ochlik. 27 Jahre lang hatte Colvin für die britische Zeitung Sunday Times aus Krisenregionen berichtet.

Die Geschichte der amerikanischen Reporterin, die die Welt auf das Leid von Zivilisten in Kriegsgebieten aufmerksam machen wollte, erzählt Matthew Heineman in seinem Spielfilm "A Private War". Inspiriert von einem posthumen Porträt in der Zeitschrift Vanity Fair hat der Regisseur, der bislang Dokumentarfilme drehte, eine Hommage an Marie Colvin und an den Beruf des Kriegsberichterstatters gedreht. Der Film erzählt von Colvins Reisen in Krisengebiete und ihrem Versuch, dazwischen ein normales Leben in London zu führen. In Sri Lanka wird sie 2001 von einer Granate getroffen. Ein Splitter lässt sie am linken Auge erblinden, danach trägt sie eine schwarze Augenklappe. Noch im Krankenhausbett sieht man Colvin an ihrer Reportage schreiben, zwischendurch muss sie sich übergeben. Rosamund Pike ("Gone Girl") spielt Colvin, nähert sich der stoischen Unerbittlichkeit dieser Kette rauchenden Frau mit der forschen Körperhaltung, der fordernden Gestik an.

Am Schluss liegt sie in den staubigen Trümmern der zerbombten Stadt Homs

Colvin, eine Legende in ihrer Redaktion, gefeiert bei Preisverleihungen, ist eine Getriebene. In London liegt sie im rosa Pyjama auf ihrem Sofa und wird von den Bildern ihrer Reisen heimgesucht. Immer wieder sieht sie ein totes Mädchen, irrt durch wahnhafte Albträume und bekämpft die Erinnerungen mit Zigaretten und Hochprozentigem. Sie hat Sex und torkelt sich sturzbesoffen durch Cocktailpartys. Posttraumatische Belastungsstörung ist was für Soldaten, nicht für Journalisten, denkt sie.

Sie setzt sich wieder und wieder den Schrecken des Krieges aus, will unbedingt das Leid der Zivilisten dokumentieren. Trotz der Qualen, die sie sich damit selbst zufügt. "Ich hasse es, in Kriegsgebieten zu sein, aber ich fühle mich dazu gezwungen", sagt sie im Film. "Weil du süchtig danach bist", antwortet Jamie Dornan als ihr jahrelanger Wegbegleiter, der Fotograf Paul Conroy. Eine, die sich selbst aufgibt, um den Opfern von Krieg und Unrecht eine Stimme zu geben. Eine Heldin eben.

Darüber hinaus kommt man Marie Colvin in dem Biopic nicht viel näher. Der DVD von "A Private War" liegt die Dokumentation "Under the Wire" bei, in der Paul Conroy vom letzten gemeinsamen Einsatz in Syrien erzählt, den er überlebt hat. Die Erinnerungen von Reporterkollegen machen die Doku zu einer etwas weniger ehrfürchtigen, einer menschlicheren Würdigung.

"A Private War" ist als eine Art Countdown bis Homs angelegt. Bei jedem Orts- und Zeitwechsel verweist ein Text im Bild auf das unweigerliche Ende: 2001 Sri Lanka, elf Jahre bis Homs. 2003 Irak, neun Jahre bis Homs. 2011 Libyen, ein Jahr bis Homs. So entsteht der merkwürdige Eindruck, dass der Tod das konsequente Ende war für eine Frau, die so bedingungslos die Berichterstattung über ihre eigene Sicherheit stellte. Dabei war er so willkürlich wie der Tod der Zivilisten, die sie sterben sah. Am Schluss liegt sie in den staubigen Trümmern der zerbombten Stadt Homs, die Kamera fliegt hoch über sie und die Stimme der echten Marie Colvin ist zu hören: "Ich wollte immer so schreiben, dass es die Leser so berührt, wie es mich selbst berührt hat."

A Private War erscheint am 22. März auf DVD, Blu-ray und als Video on Demand.