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Mediaplayer:Herostratische Helden

Es ist besser zu brennen als dahinzuschwinden: Panos Cosmatos' "Mandy" ist ein Film über das Ur-Böse. Nicolas Cage, der Spezialist für Rachefeldzüge, geht in der Rolle des Red mit einer Armbrust, die er Reaper getauft hat, auf die Jagd.

Von Fritz Göttler

Es ist besser zu brennen als dahinzuschwinden, das ist die Botschaft dieses Films, "better to burn than to fade". Einer der grausam perversen Jünger verkündet sie, die durchs kalifornische Hinterland ziehen im Gefolge des zerstörerischen Propheten Jeremiah, der seine Potenz in feuerumwallten Performances demonstriert und indem er alle möglichen Frauen angeht, Jüngerinnen wie Fremde. Und der an Charles Manson erinnert, den archaischen Mythos des neuen amerikanischen Bösen. Es ist das Jahr 1983.

Das Ur-Böse kennt der junge Filmemacher Panos Cosmatos aus den Filmen seines Vaters, George Pan Cosmatos, zum Beispiel dem über Herbert Kappler, den SS-Mann in Rom, der für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen im März 1944 verantwortlich war, oder "City Cobra", in dem Sylvester Stallone als Mann für Recht und Gesetz einen grausamen Schlitzer jagt. Als Kind durfte Panos zu Hause keine Horrorfilme sehen, also verzog er sich oft in die Videothek nebenan, studierte die Cover und die reißerischen Schlagzeilen und imaginierte sich die Filme dazu. So hat er auch seinen zweiten eigenen Film "Mandy" imaginiert, bevor es ein Drehbuch gab, nicht aus dem Inneren der Geschichte.

Nicolas Cage auf blutiger Rachetour im Thriller „Mandy“.

(Foto: Koch Films)

Der Frau, an die der böse Jeremiah (Linus Roache) sich ranmacht, ist er begegnet und verfallen, als er sie auf einem Waldweg sah, den er mit seiner Truppe entlangfuhr. Mandy (Andrea Riseborough) lebt in einem Haus im Wald, zusammen mit Red Miller, der als Holzfäller arbeitet, mit Kettensäge. Sie kochen und schlafen zusammen, sie liest gern Fantasy und lässt sich davon zu eigenen magischen Zeichnungen inspirieren - das ist schon mal ein unberechenbares Moment dieser sicheren Beziehung.

Ein zirkulärer, fast gelassener Drive

Mandy wird verschleppt und vor Jeremiah gebracht, aber sie verlacht ihn und muss deshalb grausam sterben, im Feuer, vor den Augen des gefesselten und geschundenen Red. Den spielt Nicolas Cage, der in seinen Filmen der letzten zehn Jahren fast nur auf wilden Rachefeldzügen war, voller Blut, Schweiß und Tränen, und nach Mandys Tod nun kennen Verzweiflung und Hass bei ihm keine Grenzen. Er zieht los, mit einer Armbrust, die er Reaper nennt, und mit seinem Arbeitsgerät, um die Sektenmitglieder zu töten, einen nach dem anderen - die dunkle Version der amerikanischen Superhelden, die eben die Leinwand bevölkern. "Das hat mich immer beschäftigt", sagt Panos Cosmatos, "dieses groteske männliche Ego, mit seiner Tendenz, eine illusorische Blase um sich zu schaffen." Das Fantastische und das Brutale verschmelzen bei ihm in einen unfassbaren psychedelischen Albtraum, zu den metallisch schweren Klängen des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson.

"Mandy" wurde auf dem Sundance Film Festival uraufgeführt und hat es im Verlauf dieses Jahres gleich zum Kultfilm geschafft. Ein exzessiver Film, der für die Leinwand gedreht ist, den die Verleihbedingungen heute aber schnell auf den DVD-Markt schicken. Panos Cosmatos ist ein absoluter Fan des Filmmaterials, er durfte aber Mandy nicht auf 35-mm drehen, hofft aber, die digitale Fassung irgendwann mal auf Filmmaterial überspielen zu können.

Der Film steckt voller Erinnerungen und Anspielungen auf die wilden Splatterfilme, die in den Siebzigern das amerikanische Kino schockierten, von Wes Craven und Tobe Hooper, Jeff Lieberman und Clive Barker, aber man spürt auch ein ganz anderes, aus entgegengesetzter Richtung kommendes Kino darin, das des Andrej Tarkowski. "Die intensive Reinheit", sagt Panos Cosmatos, "in der Art, wie er die Kamera benutzte, um die Zeit zu bearbeiten und zu dehnen. Und für eine Weile können die Augen im Innern dieser Wirklichkeiten leben und dich in einen meditativen Zustand versetzen, wo du über dein Leben nachdenken kannst."

Das Kino des Panos Cosmatos gewinnt einen zirkulären, fast gelassenen Drive dadurch, es lebt von Momenten des Innehaltens. Die neuen Kinohelden sind nicht mehr herkulanisch, wie die des klassischen Hollywood, sondern herostratisch.

Mandy ist auf DVD und Bluray bei Koch Media erschienen und wird vereinzelt in Kinos gezeigt.

© SZ vom 26.11.2018

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