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Mediaplayer:Halluzinationen im Baumarkt

Beim Showdown im Baumarkt wird abgeräumt.

(Foto: Eurovideo Medien)

Ein Film wie eine Droge: "First Love" von Takashi Miike.

Von Philipp Stadelmaier

Es gibt bekanntlich diverse Methoden, um Drogen dem Blutkreislauf zuzuführen. Man kann sie essen, rauchen, spritzen, schnupfen. Doch wenn man auf der Flucht vor Yakuza angeschossen auf der Rückbank eines Wagens liegt und das weiße Pulver ohnehin schon überall auf einem verteilt ist - warum dann nicht einfach mal das Zeug in die offene Wunde reiben? Der Verwundete probiert es - und wird high.

Vielleicht muss man so viele Yakuza-Filme gedreht haben wie Takashi Miike, um zu solchen Einfällen zu kommen, die die Gesetze des Genres und der Toxikologie respektieren und doch neu und originell sind. "First Love" ist das 103. Werk des japanischen Regisseurs, der mit Filmen wie "Ichi the Killer", "13 Assassins" oder "Harakiri - Tod eines Samurais" bekannt wurde. Film Nr. 103 ist nun auf DVD und Blu-ray erschienen und auf Google Play und Amazon Prime verfügbar. Die Mischung aus Romanze, Komödie und Yakuza-Gangsterfilm wäre vor einigen Tagen auch bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt worden - wenn diese denn stattgefunden hätten.

In "First Love" wird ein junger Boxer, Leo (Masataka Kubota), mit einem Hirntumor diagnostiziert. Während er durch Tokyo streift, trifft er eine Prostituierte, Monica (Sakurako Konishi), die für die Yakuza anschaffen gehen muss und in eine komplizierte Auseinandersetzung zwischen chinesischen und japanischen Triaden verwickelt ist. Mittendrin: ein Gangster, der seinen Clan verrät (das ist der, der sich später im Auto mit Heroin selbst verarztet), sowie ein korrupter Polizist, der mit ihm gemeinsame Sache macht. Da der dem Tode geweihte Boxer nichts mehr zu verlieren hat, stürzt er sich für Monica in einen letzten, verzweifelten Kampf.

Interessanterweise spürt man gegen Anfang dieses wilden Unterfangens eine Sehnsucht nach den "guten alten Zeiten". Etwa wenn Leos Trainer ihn ermuntert, sich nach einem Sieg im Ring so zu freuen, wie er selbst das früher getan hätte. Oder wenn sich zwei Männer darüber unterhalten, dass Sprichwörter wie "Gut Ding will Weile haben" aus der Mode gekommen sind. Doch die Nostalgie dauert nur kurz. Ein melancholisches Gespräch am Straßenrand wird abgelöst von einem Überfall, der sich, komisch und ungeplant, bis zum Mord steigert - da der Elektroschocker versehentlich fallen gelassen wurde, kommt dummerweise dann doch ein tödlich scharfes Messer zur Anwendung. Und der bedrohliche, nur mit einer Unterhose bekleidete Geist von Monicas Vater, der der Traumatisierten immer wieder erscheint (er hat sie als Kind misshandelt), fängt auf einmal an zu tanzen, als Leo ihr Kopfhörer aufsetzt.

So wechselt der Anarcho-Workaholic Miike ständig die Register, die Stimmungen und Tempi. Das Verrücktheitsniveau wird dabei immer weiter hochgefahren: Wenn ein Auto durch die Mauer eines Parkhauses und über die draußen wartenden Polizeiautos hinweg donnert, wird das in einer unvermittelt aufpoppenden, knallbunten Animé-Sequenz gezeigt.

Gerade die Schnelligkeit und Präzision der Actionszenen ist bewundernswert. Wenn der Polizist anfangs an Leo vorbeirennt, muss der Boxer nur einen einzigen sauberen Schlag ausführen, um ihn zu Fall zu bringen. Die Präzision hat auch einen irrealen Beigeschmack: Der verräterische Yakuza mordet ein wenig zu viel, sodass er irgendwann aufhört zu zählen ("der wievielte war das schon heute?"). Und als das erste Mal eine Waffe auf ihn gerichtet wird, fragt sich Leo, ob er schon Halluzinationen hat. Beim Showdown in einem Baumarkt muss sich auch der Zuschauer diese Frage stellen: Halluziniert er? Denn hinter jedem Killer, der schießen will oder mit dem Schwert zum Schlag gegen einen anderen ausholt, steht schon ein anderer, der dasselbe vorhat - und immer etwas schneller ist als die Person im Vordergrund. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie der Baumarkt danach aussieht. Am Ende von Miikes 103. Film gibt es wieder viel weißes Pulver, diesmal ist es Schnee, der vom Himmel fällt und das ganze Bild ausfüllt. Als funktioniere der Film selbst wie eine Droge, nach deren Konsum man sogleich mehr von Miike sehen will. Doch keine Sorge, die 104. Lieferung ist schon unterwegs.

First Love ist als DVD, Blu-ray und als Video on Demand erschienen (Eurovideo).

© SZ vom 25.05.2020

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