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Mediaplayer:Großes Gefühl, leerer Kopf

Sean Penns "The Last Face" ist in Amerika so heftig verrissen worden wie selten ein Film zuvor. Zu Recht. Wer ihn gesehen hat, kann sich nur schämen - für diesen Künstler.

Von Philipp Bovermann

Einen Film zu machen, den alle, wirklich alle abgrundtief hassen, das muss man auch erst mal schaffen. Sean Penn hat in dieser Kategorie - nennen wir sie: bedingungsloses künstlerisches Scheitern - vor Kurzem als Regisseur eine glatte Eins mit nach Hause gebracht. In sein Zeugnis schrieben amerikanische Kritiker, ein Film habe sich "selten so unmittelbar hirnverbrannt, blamabel und beleidigend" angefühlt; ein anderer bezeichnete ihn als "schrecklich fehlgeleitetes Beispiel von Filmstar-Narzissmus"; ein dritter nannte ihn "eine prätentiöse Schlaftablette" und war damit noch ungewöhnlich milde. Da dieses Meisterwerk namens "The Last Face" nun auf DVD erscheint, stellt sich die Frage: Wie zum Geier hat Sean Penn das nur hingekriegt?

Als solide Grundlage dient ihm als Drehbuch ein Kraut-und-Rüben-Acker, den Erin Dignam verbrochen hat. Der Plot geht so: Ein Mann und eine Frau lernen sich in Afrika kennen, beide weiß. Sie arbeiten als Ärzte und retten Leben. Der lokalen Bevölkerung kommt darin nur die Rolle zu, beschossen und verstümmelt zu werden, damit der gut aussehende Hollywood-Landarzt Dr. Miguel, dem die Frauen vertrauen und natürlich auch die afrikanischen Kinder, männlich ernst gucken kann. Ganz begeistert von Dr. Miguel ist auch Wren. Sie ist die Tochter des Gründers einer NGO. Bei der arbeitet sie inzwischen auch, doch eine Identitätskrise plagt sie, weil alle sie nur als Papas erwachsenes Mädchen sehen und sie noch nie "im Feld" war.

Last Face

Roadtrip durchs Elend: Charlize Theron und Javier Bardem.

(Foto: Universum)

Das war's, mehr psychologische Komplexität gibt's nicht, nur ein volltrunkenes Hin und Her zwischen den Zeitebenen. Solchermaßen verschachtelt entspinnt sich eine insgesamt zehnjährige Liaison und endet dann wieder - warum, erfährt man nicht so genau. Wren sieht ihren Platz wohl doch nicht "im Feld".

Die nötige Fallhöhe für den Totalflop hat Penn erzeugt, indem er die beiden Hauptrollen mit Javier Bardem und Charlize Theron besetzt hat. Beide sind sonst eigentlich eine sichere Bank. Wie es ihm gelungen ist zu verhindern, dass sie den Film trotz allem halbwegs auf Kurs halten, ist ein Mysterium, aber vermutlich haben sie einfach geahnt, wo sie da hineingeraten sind. "Ich will dich sehen, ohne dass ich anwesend bin", sagt Theron in ihrer Rolle als Wren einmal, und genau den Eindruck hat man auch.

Penn hätte ja eigentlich durchaus Erfahrung als Regisseur, zuletzt hat er 2007 "Into the Wild" gemacht. Diesen Film kann man stellenweise kitschig finden. Doch immerhin funktioniert der Kitsch so gut, dass seitdem immer wieder junge Männer aus der amerikanischen Wildnis gerettet werden müssen, weil sie der zivilisationsflüchtigen Hauptfigur des Films nacheifern. Die Natur war dort aber eigentlich nur Kulisse für eine radikale Selbstfindungsgeschichte - und genau so setzt Penn nun das Leiden der Menschen in Liberia ein: als gemütvolles Hintergrundrauschen.

In "Into the Wild" hatte die Natur eine subtile sexuelle Aufladung, was hier auf perverse Art fortlebt. "Die Zähigkeit und Schönheit, die die Kriegsflüchtlinge zeigten, führte zu einem Rausch der Intimität", sagt Wren in einem ihrer zahlreichen Voice-Overs. Bei diesen Worten sehen wir namenlose schwarze Leiber, schmerzverzerrt oder auch mit funkelnden Augen, wenn die medizinischen Segnungen aus dem Westen nahen.

Schön abgefilmt und in Montagesequenzen mit Detailaufnahmen vermengt, präsentiert Penn diese Bilder als Roadtrip durchs Elend. An einer Stelle lassen die Bewohner eines Flüchtlings-Camps Papierballons mit Kerzen in den Nachthimmel steigen, weil Dr. Miguel und Wren sich gerade lieb haben. Der Komponist Hans Zimmer liefert die Musik dazu: Er steuert ein bisschen was von diesem entrückt-traurigen Gesumme bei, das seit gefühlt hundert Jahren als akustische Gehhilfe herhalten muss, wenn die Gefühle groß und die Köpfe leer sind.

"The Last Face" lässt den Zuschauer beschämt zurück. Aber wer weiß, vielleicht ist der Sinn des Ganzen eine komplexe neue Charity-Strategie: Man hat nach dem Film nämlich das sehr konkrete Bedürfnis, den Westen zu verlassen, seinen Ausweis zu verbrennen und nie wieder zurückzukommen.

"The Last Face" erscheint am 29. September bei Universum Film auf Bluray, DVD und Video-on-Demand-Diensten.

© SZ vom 25.09.2017
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