Mediaplayer:Gier und Größenwahn

Mediaplayer: Caligula (Malcolm McDowell) erkundigt sich bei der Muschel, wie der Krieg so läuft.

Caligula (Malcolm McDowell) erkundigt sich bei der Muschel, wie der Krieg so läuft.

(Foto: Tiberius Film)

Tinto Brass' "Caligula" aus dem Jahr 1979, mit Hellen Mirren, Peter O'Toole und John Gielgud, sollte die Mutter aller Historienfilme werden. Dann schnitten die Produzenten Pornoszenen dazu - die man jetzt in Uncut-Fassung studieren kann.

Von Nicolas Freund

Von der britischen Prog-Rock-Band Porcupine Tree gibt es einen Song, der nach dem Regisseur Tinto Brass benannt ist. Auf dem Album "Stupid Dream", das so ziemlich alle Varianten des Prog-Genres durchspielt, ist "Tinto Brass" das heimliche Metal-Monster: nach einem loungig-einlullenden Basslauf brechen ohne Vorwarnung die verzerrten Gitarren hervor, so etwas Gefälliges wie Gesang gibt es natürlich nicht.

Wenn die Band damit die Filmautorschaft von Tinto Brass musikalisch zusammenfassen wollte, ist ihr das mit dem etwas verschrobenen und rätselhaften Stück gelungen. Brass, der mit Vornamen eigentlich Giovanni heißt, gilt heute als irgendwie halb-avantgardistischer Skandalregisseur, und das liegt vor allem an einem Film: "Caligula", der jetzt neu und ungekürzt in seiner ganzen peinlichen Pracht auf DVD und Blu-ray verfügbar ist.

Was dieser Film einmal hätte sein sollen - Spätkapitalismuskritik, Tyrannenallegorie -, lässt sich nur erahnen. In den Siebzigern wollte viele Filmemacher mehr als nur unterhalten, mehr als den Kinobetreibern ihre Werke als Rahmenprogramm für den Popcornverkauf zur Verfügung zu stellen. Es schien, als könnte der Blick der Kamera mehr zeigen, mehr verraten und mehr von der Welt verstehen, als man es ihm bisher zugetraut hatte. Diese heute als New Hollywood bekannte Bewegung junger Regisseure hatte eine politische und eine künstlerische Agenda: gegen die biederen Strukturen der großen Filmstudios, gegen die Konservativen und den Vietnamkrieg, für eine neue Filmästhetik. Im Jahr 1979 war die Bewegung fast schon vorbei, Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" war eine Art spätes Aufbäumen, Ridley Scotts "Alien" wies in eine neue, radikal dystopische Genre-Zukunft. Und dann kam 1979 eben noch "Caligula" ins Kino.

Auch Tinto Brass hatte eine Agenda. Er wollte den Kostümfilm drehen, der alle Kostümfilme beendet: Historiendrama und politischer Essay in einem. Das Drehbuch ließ er sich von Gore Vidal schreiben. Sein "Caligula", die Geschichte des als schwer gestört geltenden römischen Kaisers, sollte eine fiese Satire sein, über Herrschaftsstrukturen, die zum Lächerlichen neigen, und voller Gewalt und Erotik, weil das am Ende doch die Triebfedern aller Ambitionen sind. Oder?

Finanziert wurde das Ganze, warum auch immer, von dem Erotikheftchen Penthouse. Vielleicht gab es da ein Missverständnis, vielleicht auch nicht. Ganz sicher gab es eines beim finalen Schnitt des Filmmaterials.

Da fiel den Produzenten Franco Rossellini und "Penthouse"-Chef Bob Guccione auf, dass sie die Geschichte des durchgeknallten römischen Kaisers doch nicht so spannend fanden. Sie kamen auf die Idee, das Ganze mit noch mehr Sex aufzupeppen. Deshalb drehten sie kurzerhand ein paar Hardcore-Szenen nach und schnitten den Film so, dass man jetzt guten Gewissens von einem Römer-Porno sprechen kann. 1979 war das ein nie dagewesener Skandal. Tinto Brass, dessen Inszenierung man allerdings ansieht, dass er an der finalen Ausrichtung des Films nicht ganz unschuldig ist, distanzierte sich von "Caligula". Ebenso die Hauptdarsteller Malcolm McDowell und Helen Mirren. Den Karrieren der beiden schadete das Werk aber nicht nachhaltig.

Wie wirkt das Ganze nun fast vierzig Jahre später? Vor allem fällt auf, dass die Röcke der Legionärsuniformen wahnsinnig kurz waren. Auch die Tunikas, das scheinbar bevorzugte Kleidungstück der Damen dieser Zeit, hielten richtig schlecht und verrutschten eigentlich ständig an den blödesten Stellen. Das alte Rom bestand aus etwas wackelig aussehenden Theaterkulissen. Jeder vögelte mit jedem, und fast immer wird gerade jemand hingerichtet. Was andere Filmepen mit gutem Grund nur andeuten, wurde hier einmal bis ins letzte Detail durchexerziert. Wer sich für sittliche Entgleisungen als Selbstzweck und grandiose künstlerische Selbstüberschätzung interessiert, kommt an "Caligula" nicht vorbei. Sein Einfluss auf die Fernsehserie "Game of Thrones" kann gar nicht überschätzt werden. Sein Platz in der Filmgeschichte ist "Caligula" in jedem Fall sicher.

Caligula Uncut ist bei Tiberius Film erschienen.

© SZ vom 29.10.2018
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