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Mediaplayer:Flucht in den Märchenwald

Mary ist eine Trickfigur in der Tradition des legendären japanischen Zeichenstudios Ghibli.

(Foto: Eurovideo)

Japanische Trickfilmkunst: Der Gründer von Studio Ghibli ist so etwas wie der Walt Disney Japans. "Mary und die Blume der Hexen" ist zwar der erste Film des neu gegründeten Studios Ponoc, trotzdem erinnert viel an Ghibli.

Die Großtante hat ihr zwar verboten, alleine in den Wald zu wandern, aber Mary macht es trotzdem. Es sind nämlich Sommerferien und die Tage sind lang, der Nachbarsjunge ist doof - er hat sich über ihre roten Haare lustig gemacht - und der Wald nun einmal ziemlich aufregend. Zumal es sich hier um einen in der Anime-Ästhetik des legendären japanischen Zeichentrickfilmstudios Ghibli gemalten Wald handelt. Einen lebendigen, verheißungsvollen Wald also, durch dessen sattgrün dahingetupfte Blätter goldene Sonnenstrahlen fallen, und über dessen üppig bewachsenen Boden seltsame Raupen kriechen. Ein Gewächs allerdings passt gar nicht in das pastorale Paradies. Die in elektrischem Blau schimmernde Blume erregt Marys Aufmerksamkeit sofort. Nicht ahnend, dass es sich um die titelgebende "Blume der Hexen" handelt, knipst sie eine Blüte ab.

Schneller als sie "Hogwarts" sagen kann, findet sie sich dann auf einem fliegenden Besen wieder, der sie in gefährlichem Tempo zur Endor-Universität für junge Zauberer und Hexen befördert. Dort wird sie von der herrischen Rektorin und einem exzentrischen Professor, die aus irgendeinem Grund gerade nichts anderes zu tun haben, empfangen und über das weitläufige Gelände geführt.

Der Campus gleicht einem utopischen Vergnügungspark, Mary staunt mit offenem Mund wie einst der junge Harry Potter. Aber als man den weiteren Verlauf des Films vorauszuahnen meint, nimmt "Mary und die Blume der Hexen" eine finstere Wendung. Wie Mary herausfindet, werden an der Endor-Universität nämlich ethisch höchst bedenkliche Experimente durchgeführt. "Magie und Wissenschaft machen auch durch Misserfolge Fortschritte", weiß der wahnsinnige Professor. Marys Aufgabe wird es nun sein, sicherzustellen, dass an der Endor-Universität nicht allzu große Fortschritte gemacht werden.

"Mary und die Blume der Hexen" ist trotz der bekannten Ästhetik keine Studio-Ghibli-Produktion, sondern der erste Film des neu gegründeten japanischen Studios Ponoc. Dass hier aber eine Menge an die Ghibli-Filme erinnert - die präpubertäre Protagonistin, die Spannung zwischen Naturromantik und Fortschrittsstreben -, ist kein Zufall. Der gefeierte Animationsfilmer Hayao Miyazaki, so etwas wie der Walt Disney Japans, hat vor einigen Jahren seinen Ruhestand und die Schließung seines Studio Ghibli angekündigt (wenn auch mittlerweile wieder zurückgenommen), woraufhin einige seiner Protegés ein neues Studio aufmachten. Und zwar mit der ausdrücklichen Ambition, Miyazakis Stil weiterzuführen. Unter ihnen der Zeichner Hiromasa Yonebayashi, Regisseur von "Mary und die Blume der Hexen".

Animationsfilme bestehen mittlerweile meistens aus computergenerierten Bildern, in denen selbst kleinste Elemente, wie die einzelnen Haare einer Figur, präzise animiert sind. Anstelle dieses digitalen Hyperrealismus, der mit der Erfolgssträhne des amerikanischen Studios Pixar in den letzten Jahrzehnten zur dominierenden Ästhetik im Animationsfilm wurde, entwerfen die Filme im Ghibli-Stil mit ihren handgezeichneten Bildern eine romantische, fast impressionistische Welt. Sie sind gleichzeitig sorgsam ausgearbeitet und entwaffnend einfach gezeichnet.

Den vielschichtigen Landschaften und der vor liebevollen Details vibrierenden Ausstattung stehen die in reduzierten Anime-Konventionen gehaltenen Physiognomien der Figuren gegenüber. Bei ihnen ist nicht jedes Haar animiert, sie haben ja nicht einmal eine richtige Nase. Und der Mund ist nur eine Linie, die sich beim Sprechen und beim Staunen grob zu einem Halbmond öffnet. Aber Augen haben sie, große, runde, leuchtende Anime-Augen.

In visueller Hinsicht ist Yonebayashi ein toller Film gelungen, dessen verschwenderische Farben und originelle Ausstattung dem Vergleich mit dem großen Vorbild standhalten. Aber es fehlt das, was Miyazaki "ma" nennt: das Innehalten, das Schweigen zwischen zwei Noten, das Schwelgen in den Farben. Der fliegende Besen schleudert Mary durch die Lüfte, jedoch so schnell, dass man die schönen Felder kaum sehen kann.

Mary und die Blume der Hexen ist als DVD, Blu-ray und Video on Demand erhältlich.

© SZ vom 14.01.2019

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