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Mediaplayer:Flirten für Fortgeschrittene

Paul Lyss (links) spielte in mehreren Lemke-Filmen mit, darunter "Rocker", "Slyvie" und "Paul".

(Foto: Mad Dimension)

Lange bevor Dogma erfunden war: Klaus Lemkes Klassiker "Paul" gibt es nun auf DVD. Sein Film "Bad Girl Avenue" läuft auf dem Münchner Filmfest.

Von David Steinitz

Wie dreht man einen Film mit einem Säufer in der Hauptrolle, der es nie nüchtern vor die Kamera schafft? In den Siebzigerjahren sammelte der Regisseur Klaus Lemke, eigentlich ein Schwabinger Radikalgewächs, in dieser Hinsicht in Hamburg Erfahrungen. Dort entstanden einige seiner schönsten Filme, "Rocker" (1972), "Sylvie" (1973) und vor allem: "Paul" (1974).

In allen drei Werken spielte der Trinker Paul Lyss mit, dessen schnoddriges Gammlertum perfekt zu Lemkes Kamikaze-Kino passte, das er mit viel Improvisation und Handkamera umsetzte, also quasi im Dogma-Stil, lange bevor Dogma erfunden wurde. Aber Lyss war streckenweise so betrunken, besonders beim Dreh zu "Paul", dass mit nüchternen Regieanweisungen nichts mehr auszurichten war. Deshalb musste Klaus Lemke sich auf den Boden legen, um seinen Hauptdarsteller außerhalb des Blickfelds der Kamera mit kräftigen Tritten in die Waden dazu zu bringen, sich vorwärtszubewegen. So berichtet es der Regisseur im Bonusmaterial auf der nun erschienenen "Paul"-DVD.

Der Film erzählt von einem jungen Mann, Paul, der nach Jahren im Knast in seinem zerknitterten Anzug entlassen wird. Ein Gauner, aber ein liebenswerter. Er wird von seiner alten Bande abgeholt, endlich wieder fröhliches Gruppengegröle, anständiger Schnaps, Mädchen im Arm. Aber das Geld aus dem Coup, für den er ins Gefängnis gegangen ist, haben die anderen längst verprasst. Deshalb wollen sie Paul umbringen lassen, damit er sie nicht zur Kasse bittet. Aber leicht wird er ihnen das nicht machen.

Viel näher als in diesem Film ist das deutsche Kino nie mehr an die schäbige Eleganz der Nouvelle Vague herangekommen. Lyss torkelt durch die Hamburger Straßen wie ein norddeutscher Erbe von Jean-Paul Belmondo, ganz außer Atem, genauso cool und mindestens doppelt so tragisch. Der große Unterschied zur Tristesse anderer germanischer Autorenfilmwerke jener Zeit ist die französische Leichtigkeit, mit der Paul ins Unglück stürzt. Er zelebriert eine Erotik des Untergangs und der Destruktion, die fast schon wieder hoffnungsvoll ist. Lemke hatte bei einem deutschen TV-Sender ein Drehbuch eingereicht, das sich auf dem Papier streng an den Maßstäben der durchschnittlichen deutschen TV-Tragödie orientierte. Aber sobald er die Zusage zur Finanzierung hatte, hielt er sich nicht mehr an die versprochene Dramaturgie. Er improvisierte mit seinen Schauspielern so lange an der Reeperbahn herum, bis er der Geschichte jegliche planbaren dramaturgischen Ambitionen ausgetrieben hatte.

Das Erstaunliche an Klaus Lemke ist, dass er sich diese Anarchie bis heute bewahrt hat. Der Mann wird im Oktober 78 Jahre alt, dreht aber immer noch Filme, die jünger wirken als so manche Filmhochschulproduktion.

Auf dem Filmfest München hat in dieser Woche "Bad Girl Avenue" Premiere, und das ist mal wieder Lemke pur. Seine neueren Filme, auch dieser, sind allesamt in der Münchner Maxvorstadt entstanden, die man früher mal als Studentenviertel bezeichnen konnte, die heute aber mehr als Gentrifizierungsunfall einzustufen ist. Boutiquen statt Kneipen, Eile statt Weile. Wenn aber Klaus Lemke diesen Stadtteil filmt und seine Hauptdarstellerin Judith Paus fordern lässt, die Schellingstraße in "Bad Girl Avenue" umzubenennen, dann bekommt dieser Ort plötzlich eine Magie zurück, die er in der Realität nicht mehr hat. Die Story in dieser Erzählung ist mal wieder eher zweitrangig, eine Gruppe junger Menschen ver- und entliebt sich, und es wird sehr viel Weißwein getrunken.

Das klingt zunächst einmal auch nicht viel anders als die Handlung deutscher Vorabendserien. Aber bei Lemke liegt über jedem auffordernden Blick und jedem Kuss immer schon jene sanfte Melancholie, die einen Flirt von Soap- auf Kinoniveau hebt. Deshalb hat er den Film François Truffaut gewidmet, jenem Großmeister des Kinoflirts, der eine ganze Karriere lang davon berichtet hat, dass der erste Kontakt zwischen zwei Menschen bereits vom künftigen Abschied erzählt.

Paul ist auf DVD erschienen. Bad Girl Avenue ist am 4. und 6. Juli in Anwesenheit des Regisseurs auf dem Filmfest München zu sehen.

© SZ vom 02.07.2018
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