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Mediaplayer:Dracula und seine Fledermäuse

Gruselklassiker des britischen Horrorkinos in einer Sammelbox.

Von Fritz Göttler

Ein Cherub in London, ein blond gelockter Jüngling mit sanften Zügen, aber auch einem Blick, der dominiert und droht. Ein gefallener Engel, ein verlorener Junge: Peter trifft ein Mädchen in der Stadt, das aus seiner Tristesse in Liverpool davongelaufen ist, gegen die Bedenken der Mutter. Sie will unbedingt ein Kind haben, sucht einen Mann, der ihr dabei helfen soll. Peter will, dass sie auf den Namen Wendy hört. Seinen kleinen Hund nennt er Tinker.

Der Cherub hat eine böse Mission, er tötet alles, was zu niedlich, zu schön ist, mit einem Teppichmesser. Seinen Hund, die Frauen, mit denen er zusammenkommt. Und nimmt ihre Todesschreie auf, mit einem alten Tonbandgerät. "Straight on till Morning/Ehe der Morgen graut" ist ein kleiner Psychothriller von Peter Collinson aus dem Jahr 1972, Rita Tushingham, Star der Sechziger - "Bitterer Honig", "Der gewisse Kniff" und "Doktor Schiwago" - verkörpert Wendy, Shane Briant ist Peter.

Scars of Dracula Filmstill Christopher Lee

Dracula der Siebziger: Christopher Lee in "Nächte des Entsetzens".

(Foto: Studiocanal)

Der Film ist ein Hammer-Peter-Pan, schaurig aber durchaus schlaksig, von LSD und Swinging Sixties geprägt, eins der durchtriebenen Glanzstücke der neuen siebenteiligen Hammer-DVD-Box. In den Sechzigern hat das legendäre Studio sehr erfolgreich britische Varianten der großen Horrormythen geliefert, mit denen in den Dreißigern in Hollywood das Universal Studio glänzte: Dracula, Frankensteins Monster, die Mumie, Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Ein stilvoller, ein wenig statuarischer Horror, liebevoll ausgemaltes 19. Jahrhundert, mit den Studio-Ikonen Christopher Lee (Dracula) und Peter Cushing (Draculas Gegenspieler Van Helsing, Dr. Frankenstein u.v.a.). Die beiden sind auch in dieser Box vertreten in "Scars of Dracula/Nächte des Entsetzens und "Fear in the Night/Furcht in der Nacht", aber nun bekommen die alten Monster es mit der jungen Generation zu tun, die Kids dringen ins Schloss des schlafenden Vampirs ein, der juvenile Frankenstein betreibt eher ein perverses "Jugend forscht" in "Horror of Frankenstein". Peter Cushing tritt in "Fear in the Night" in schwarzem Talar in Erscheinung, als Direktor einer Schule auf dem Land, durch deren Flure und Zimmer die Gesänge der Zöglinge geistern.

Hammer musste sich neu erfinden Anfang der Siebziger, die alten Stoffe wurden neu belebt, neue Psycho- und Schizogeschichten kamen dazu. Die leitenden Männer von Hammer, wie Michael Carreras oder Jimmy Sangster, beide auch als Regisseure in der Box vertreten, sind neugierig aufs neue Jahrzehnt, junge Intellektuelle wie Christopher Wicking schreiben ihnen die Drehbücher. Draculas Fledermäuse hacken auf ihre Opfer ein, brutal wie Hitchcocks Vögel, Dr. Jekyll operiert mit der grimmigen Entschlossenheit eines Jack the Ripper, überall scheint Michael Powells Peeping Tom präsent. Die Stimmung erinnert an die erotisch-morbiden "Avengers" mit Diana Rigg und Patrick Macnee ("Mit Schirm, Charme und Melone"). Brian Clemens, einer der kreativen Masterminds der Serie, hat das Buch zu "Straight on till Morning" geschrieben.

Sehr britisch am klassischen Hammer Horror war immer seine Kleinbürgerlichkeit, seine romantische Engstirnigkeit, die unerbittliche Strenge der Figuren, ob auf der bürgerlichen oder auf der dämonischen Seite. Nur zögerlich setzt der Schock ein. In den Siebzigern ist die Lust mit den Formen zu spielen unbezähmbar: Grenzen überschreiten, alte Ordnungen zum Bröckeln bringen, eine Orgie der Transformationen. Animalisches setzt sich durch im Herzen der viktorianischen Gesellschaft. Die Farben lösen Fronten auf, manchmal gibt es psychedelische Schlieren.

Und natürlich: die heftige Sinnlichkeit der jungen starken Frauen: Valerie Leon als altägyptische, von den Männern bestrafte Königin Tera (man mumifiziert sie und schlägt ihr die Hand ab), Kate O'Mara als Haushälterin im Haus Frankenstein, deren Qualitäten der Vater Frankenstein wohl zu schätzen weiß, der studierte Sohn eher nicht, Und Martine Beswick, als verführerisches Monster in "Doctor Jekyll & Sister Hyde" von Roy Ward Baker. Wie sie sich aus Jekyll verwandelt und trotzdem seine Züge in ihrem schmalen Gesicht bewahrt, das hat seine eigene Magie. Ein Hammer-Transgender.

Die Hammer-Film-Edition mit sieben restaurierten Filmen ist erschienen bei Studiocanal.

© SZ vom 27.11.2017
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