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Mediaplayer:Die Tragik des Pornoschnauzers

Chuck Wepner war 15 Minuten lang der Größte - bis Muhammad Ali ihn grün und blau schlug. Ein Biopic über das Vorbild für "Rocky".

Von Sofia Glasl

"Nennen Sie mich Chuck. Oder Champ," säuselt er der Lehrerin beim Elternabend entgegen. Die Ehefrau rollt mit den Augen, die Tochter schämt sich. Champ. Das steht auch auf seinem Nummernschild. Sonst könnte jemand vergessen, dass er mal für einen kurzen Moment jemand war. Zwei Ereignisse waren es, die Chuck Wepner aus New Jersey zum Champ machten: 1975 schickte er den amtierenden Schwergewichtsweltmeister Muhammad Ali in der neunten Runde kurz auf die Bretter, bevor dieser ihn bis zur 15. Runde grün und blau prügelte. Und ein Jahr später kam "Rocky" ins Kino, der stark von diesem Kampf inspiriert war, geschrieben und gespielt vom damals unbekannten Sylvester Stallone.

Der Rest ist Geschichte: Stallone wurde zum steinreichen Superstar. Und Chuck? Der war eben nur fast Schwergewichtsweltmeister geworden, er sah von dem Geld auch keinen Pfennig - nannte sich fortan aber immerhin den "wahren Rocky". Das auf realen Begebenheiten basierende Biopic "Chuck" des kanadischen Regisseurs Philippe Falardeau zeigt ihn als schillernden Berufsoptimisten. Aber auch als Pornobalken tragenden Schaumschläger, der seine Unsicherheiten hinter impulsivem Brustgetrommle versteckt. Die meiste Zeit ist er ein Poser, der mit seiner Egotour Freunde und Familie vergrault und sich dann in Selbstmitleid suhlt. Ein unsympathischer Rocky-Abklatsch, wenn man so will. Er mag als Vorlage für Balboa gedient haben, sein Charisma reicht an das der fiktiven Figur aber nicht heran.

Chuck

Er war fast der Größte: Liev Schreiber als Boxer Chuck Wepner.

(Foto: Splendid)

"Manchmal ist das Leben wirklich wie ein Film", sagt er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Chuck lebt eine Dauerperformance, wirft sich immer in Pose, auch wenn keiner zusieht. Elvisbrille vor das verschwollene Gesicht, Schnauzer zurechtgerückt, das übergroße Mantelrevers glattgestrichen - und die Show kann losgehen. In der Eckkneipe wird er bejubelt und sonnt sich in seinen sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm. Sein Lieblingsfilm ist "Faust im Gesicht" aus dem Jahr 1962, in dem Anthony Quinn sich als der abgehalfterte Boxer Mountain Rivera dafür rühmt, einmal fast Schwergewichtsweltmeister geworden zu sein. Selbst die Leidensposen hat Chuck nur recycelt. Er versteckt dahinter seine Einsamkeit. Allein und vergessen jubelt er dann auch vor dem Fernseher, als "Rocky" drei Oscars gewinnt. Er selbst will nicht vergessen, lebt in den mit medialen Träumen verschwimmenden Erinnerungen. Doch genau dieses Kippbild erhebt Falardeau zum Prinzip seines Films und macht so aus einem klassischen Biopic eine Studie über Erfolg, Ruhm und geborgte Klischees - und aus Chuck Wepner einen tragikomischen Underdog.

Hinter seinem Rücken nennen die Leute ihn "Bleeder", also den Bluter, weil er im Ring schnell und reichlich blutet. Doch auch angeschlagen und mit triefenden Wunden bleibt er auf den Beinen. Mangelndes Können macht er mit Hartnäckigkeit wett und überträgt diese Strategie auch auf sein Leben. Nur so kann aus seiner Niederlage gegen Ali durch technischen K.o. ein Triumph werden.

Liev Schreiber spielt Chuck, und ihm ist es zu verdanken, dass diese auf den ersten Blick unangenehme Rampensau allmählich als gebrochene und doch selbstironische Figur erkennbar wird. Mühelos schaltet Schreiber zwischen überbordendem Enthusiasmus und egomanischen Ausbrüchen zu fast kindlichem Witz und leiser Introspektion hin und her. Wo andere Schauspieler besonders in Boxerrollen zu übermäßiger Körperlichkeit und expressiver Emotionalität neigen, sind Schreibers Ego und sein Schauspiel angenehm unsichtbar. Er scheut sich nicht davor, peinlich zu sein, und lässt Chuck damit seine Würde, weil er sich niemals über ihn erhebt.

Das überlässt er seinem jeweiligen Gegenüber. Da wird ordentlich ausgeteilt, und Chuck lässt wie im Boxring die Salven seiner Frau (herrlich: Elisabeth Moss mit kaugummizähem Jersey-Slang, der allein es wert ist, die Originalfassung anzusehen) und seines Bruders ungerührt über sich ergehen. Weniger verbittert, aber nicht minder respektlos, begegnet ihm die Kellnerin Linda. "Du bist vielschichtiger als man denkt. Nicht zu sehr, aber gerade genug." Sie erkennt, dass er das Herz am rechten Fleck hat. Wenn man nämlich ganz genau hinsieht, kann Chucks verquerer Optimismus sogar ansteckend sein. Solche Antihelden liebt das Kino.

"Chuck - Der wahre Rocky" ist auf DVD und Blu-Ray erschienen (ab 14,49 Euro).

© SZ vom 02.10.2017

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